Am 7. Juni 2009 werden die Bürger der Stadt Neuss jede Menge Stimmen verteilen. Für das Europaparlament, den Kreistag, Landrat, Gemeinderat und schließlich noch für den Bürgermeister. Doch auf die Neusser warten an diesem Sommersonntag kein Wahlzettel aus Papier mehr und kein Stift zum Kreuzchenmachen. Stattdessen werden sie ein graubeigefarbenes Gerät in einer Art überdimensioniertem Aufklappkoffer im Wahllokal vorfinden: Unter einer grün leuchtenden Digitalanzeige und ein paar Tasten prangt hinter transparentem Plastik ein Farbausdruck der Wahlzettel. "Stadt Neuss" steht darauf und "07.06.2009".

Die Wahlzettel sind noch Muster, und das Gerät steht im Büro der Firma HSG Wahlsysteme, die ihren Namen von den Initialen ihres Besitzers Herbert Schulze Geiping hat. Von Werne an der Lippe bricht er zu Handlungsreisen auf, um deutschen Gemeinden elektronische Wahlgeräte zu verkaufen. Stadtkämmerern und Gemeindebeamten von Brandenburg bis Rheinland-Pfalz führt er vor, wie Stimmen per Tastendruck abgegeben, elektronisch gespeichert und am Wahlabend automatisch addiert werden. Mühsames Auszählen ist nicht mehr nötig! Es werden nicht mehr so viele Wahlhelfer benötigt. "Auch wenn der Bürger wenig davon sieht", sagt Schulze Geiping, "Wahlen sind im Bereich der Stimmabgabe ein ›Massengeschäft‹."

Mit der automatisierten Demokratie hat er schon viele Kunden gewonnen, rund 2000 Geräte stehen in rund 90 deutschen Gemeinden. Den Anfang machte 1999 Köln. Auch bei großen Unternehmen wie VW wird elektronisch gewählt.

Kommende Woche wird Herr HSG nach Karlsruhe fahren. Dort wird auch abgestimmt – nicht mit, sondern über sein Geschäftsmodell. Das Bundesverfassungsgericht verhandelt "in Sachen ›Wahlcomputer‹". Zu dem Termin ist der Elektroingenieur aus dem Münsterland zwar nur als Zuschauer angemeldet. Doch sein Produkt steht im Mittelpunkt.

Die höchsten deutschen Richter müssen entscheiden: Verstößt der Einsatz der "rechnergesteuerten Wahlgeräte Nedap ESD1 und ESD2" gegen wichtige demokratische Grundsätze? Stellt ihr Einsatz mithin einen "Wahlfehler" dar? Lautet das Votum Ja, würde das eine Rückkehr zu Stift und Zettel bedeuten. Darauf hoffen Ulrich Wiesner und sein Vater Joachim. Sie haben Prüfbeschwerde gegen die Bundestagswahl 2005 eingelegt, weil dabei Wahlcomputer eingesetzt wurden.

Man könnte die beiden Wiesners für Querulanten halten: weil sie der Technik misstrauen. Weil schon der Bundestag ihre Beschwerde als "offensichtlich unbegründet" abgewiesen hat. Weil ihre Berufe – Ulrich Wiesner ist promovierter Physiker und arbeitet im IT-Bereich, sein Vater war Politikprofessor – sie für Besserwisserei auf diesem Feld prädestinieren. Doch das Duo und seine Bedenken finden Widerhall bei Informatikern, Rechts- und Politikwissenschaftlern. Dass Karlsruhe überhaupt eine mündliche Verhandlung anberaumt, zeigt: Die Richter sehen Klärungsbedarf.

Die Beschwerdeschrift macht deutlich: Es geht um mehr als eine behördliche Verfahrensfrage. Der Streit um Wahlcomputer ist Technikfolgenabschätzung im Innersten der Demokratie. Es ist ein Streit um Technologie, den Umgang damit und die Prinzipien, die er berührt.