Es ist nicht lange her, da lebte die Union mit einer Sonnenscheinperspektive auf die Zeit, die vor ihr lag. Mit einer modernen Familien-, Integrations-, Bildungs- und Umweltpolitik wollte sie sich im Wahljahr präsentieren. Als Kraft der Zukunft wollte sie die Regierungsmacht in Berlin behaupten – und besser noch, in eine schwarz-gelbe Koalition überführen. Noch vor Kurzem konnten einflussreiche CDU-Politiker mühelos darlegen, warum die einzig verbliebene Volkspartei so unangreifbar geworden war. Wer sollte die Union in Bedrängnis bringen? Die SPD, der sie alle flotten Themen abgenommen hatte und die aus ihrer Dauerkrise nicht mehr herausfand? Wohl kaum.

Vier Wochen haben gereicht, diese Perspektive zu zertrümmern. Die Finanzkrise hat die wirtschaftlichen Aussichten des Landes verdüstert, und schlagartig sind die existenziellen Fragen der Ökonomie ins Zentrum gerückt. Zeitgleich und unerwartet wirkt auch die politische Konkurrenz wie ausgewechselt. Seit dem SPD-Parteitag vom vergangenen Wochenende muss die Union ihren Koalitionspartner auch als Gegner wieder ernst nehmen. Die SPD hat ihre personelle Aufstellung geklärt, ihre inhaltlichen Konflikte entschärft und darf zudem hoffen, dass die Krise des Finanzkapitalismus ihr auch ideologisch in die Hände spielt. Die Kanzlerin hingegen findet sich in einer völlig neuen Situation wieder. Wollte sie sich bislang mit der positiven Bilanz ihrer Regierungszeit und einer modernen Themenpalette um eine zweite Amtszeit bewerben, steht sie plötzlich vor der gewaltigen Bewährungsprobe als Krisenmanagerin. In dieser Rolle steht sie "einsam an der Spitze" – eine Beobachtung des politischen Gegners, die in den eigenen Reihen Unbehagen auslöst. Denn konzeptionell wie personell ist die Union auf nichts schlechter vorbereitet als auf ökonomische Krisenzeiten.

Wird aus der Merkel-CDU nun eine Johannes-Rau-CDU?

Nach der letzten großen Krise, dem Crash der New Economy 2001, hatte sich die Politik in Deutschland auf eine liberale Reformpolitik verständigt. Der damalige Kanzler Schröder entwarf seine Agenda 2010, Angela Merkels CDU antwortete mit den Leipziger Reformbeschlüssen. In der aktuellen Krise zeigt die politische Stimmung in die entgegengesetzte Richtung. Wo die Eigenverantwortung der (Finanz-)Wirtschaft so offenkundig versagt hat und nur noch die massive Intervention des Staates den Markt zu retten verspricht, hat die Union jegliche Erinnerung an ihre liberale Phase verdrängt. Rückzug des Staates, Entfesselung der Märkte, mehr Eigenverantwortung der Bürger – nie klangen die Rezepte von gestern so unpassend wie heute. Deshalb versuchen sich ihre einstigen Verfechter jetzt durch harsche Kritik an den Profiteuren des freien Marktes zu rehabilitieren. "Sie müssen wieder mitten in die Gesellschaft zurückgeholt werden, und sie dürfen nicht außerhalb aller Regeln herumturnen", fordert Unions-Fraktionschef Volker Kauder im Deutschen Bundestag.

Gut, dass wir "unsere soziale Marktwirtschaft" haben, schallt es nun besonders eindringlich aus der Union. Dabei war es die CDU-Vorsitzende und heutige Bundeskanzlerin, die über Jahre hinweg gerade die Anpassung der sozialen Marktwirtschaft an die Bedingungen der Globalisierung gefordert hatte. Die liberalen Reformen sollten dazu beitragen, eine "neue soziale Marktwirtschaft" zu etablieren. Damals vertraten Merkel und ihre Partei die Vorstellung, dass der Rückzug des Staates und die Deregulierung der Märkte so viel Potenzial freisetzen würde, dass das Wachstum nicht nur dem Arbeitsmarkt, sondern letztlich auch dem sozialen Ausgleich zugute kommen werde. Es ging der Union nicht um puren Marktradikalismus. Aber die liberale Erneuerung schien unabdingbar, um den Sozialstaat auch unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen erhalten zu können. Dass man den Markt selbst stärker kontrollieren müsse, dass die Ethik der sozialen Marktwirtschaft schon an der Basis des ökonomischen Prozesses anzusetzen habe, wie es heute Norbert Röttgen, einer der wenigen wirtschaftspolitischen Hoffnungsträger der Partei, formuliert, davon war in der Union damals nicht die Rede.

"Wir haben es mit Exzessen der Märkte zu tun. Aufgabe des Staates in einer sozialen Marktwirtschaft ist die Kontrolle. Der Staat ist Hüter der Ordnung." Der Krisen-Kanzlerin gehen solche Sätze offenbar leicht über die Lippen. Ein wenig Populismus des starken Staates klingt darin an. Er soll das Laisser-faire der Reformjahre vergessen machen und zugleich helfen, den konsternierten Bürgern Rettungspakete in der Größe ganzer Staatshaushalte zu vermitteln. Man sei nun eben eine "linke Volkspartei mit wirtschaftspolitischer Kompetenz", witzeln manche in der Union über den rasanten Versuch, sich dem Zeitgeist anzupassen und zugleich den Nimbus ökonomischer Kompetenz zu bewahren.

Das wird nicht einfach. Sowenig, wie die Union nach der Beinahe-Wahlniederlage 2005 ihre liberalen Ansichten offen revidierte, so wenig hat sie seither einen neuen wirtschaftspolitischen Ansatz entwickelt. Seit Merkel regiert, herrscht situativer Pragmatismus mit einem feinen Gespür für die gesellschaftliche Stimmung. Nur untergründig hat die CDU die Gewichte verschoben, etwa im neuen Grundsatzprogramm, in dem der Gedanke der Freiheit bereits deutlich vom Ruf nach Sicherheit überlagert wird. Doch all das geschah ohne Debatte und deshalb ohne wirkliche Klärung. Wem der Sinn danach steht, der beruft sich auch heute noch auf den Leipziger Reformansatz, am deutlichsten der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger. Dagegen sieht sich sein nordrhein-westfälischer Amtskollege Jürgen Rüttgers als Vorreiter einer sozialen Neuorientierung: von der Merkel- zur Johannes-Rau-CDU. Man könnte das widerspruchsvolle Nebeneinander als Facettenreichtum ansehen. Doch nach der Reformphase 2003 bis 2005 wirkt es eher wie Desorientierung.