China: Wohnung günstig abzugeben

Es ist nicht einfach, in diesen Zeiten eine Wohnung zu verkaufen, zumindest wenn man Preisvorstellungen hat, wie sie noch vor einigen Monaten üblich waren. Für Hung Huang ist das derzeit eine Hauptbeschäftigung. Sie will die alte Shanghaier Wohnung ihrer Mutter, die im Januar gestorben ist, zu Geld machen. Ihre Mutter war die Englischlehrerin und Übersetzerin Maos. Hungs Stiefvater Qiao Guanhua war in den Siebzigern Außenminister. Hung selbst ist Chefin der China Interactive Media Group, eines Verlagshauses.

Doch das alles nützt ihr nun wenig. Den Preis ihrer Wohnung bestimmen nicht mehr Beziehungen oder gar der Staat, sondern der Markt. Er behandelt Verkäufer dieser Tage unfreundlich. Und die Ursache dafür liegt vor allem in der Finanzkrise.

Einen Interessenten hatte Hung schon, einen Kanada-Chinesen, der noch kurz vor der Finanzkrise zu einem guten Preis zugesagt und auch schon 100000 US-Dollar angezahlt hatte. Doch nun hat er kein Geld mehr. Alles weg. Und die Wohnungspreise in Shanghai fallen so schnell, dass Hung sich über die Anzahlung, die sie behalten hat, nicht freuen mag.

Dafür bekam sie eine SMS von ihrer Pekinger Immobilienmaklerin, die ihr eine große Wohnung anbot: "Der Besitzer braucht Geld und ist bereit, die Wohnung für zwei Drittel des Wertes zu verkaufen." Er hat womöglich Fabriken, die für den Export produzieren. "Noch ist es so", sagt Hung, "dass nur die oberen 20 Prozent der chinesischen Bevölkerung unter der Krise leiden." Das kann sich jedoch in den nächsten Monaten schnell ändern.

"Auf Chinas Hauptstraßen wird man den Schmerz der Krise nur spüren, wenn die Exporte einbrechen", weiß die Verlegerin Hung Huang. Bisher ist zwar ein deutlicher Rückgang des Exportwachstums zu verzeichnen, aber noch kein massiver Einbruch. Die eigentlichen Folgen der weltweiten Krise werden in dem boomenden Land erst in mehr als einem halben Jahr sichtbar werden, wenn sich die Auftragsrückgänge bemerkbar machen. Niemand kann vorhersagen, wie stark sich der globale Einbruch dann auswirken wird. Frank Sieren