Ich war 19 Jahre alt, als ich John Coltrane begegnete, da erkundete ich gerade planlos und süchtig die jüngere Musikgeschichte. In meiner bayerischen Kleinstadt waren Platten die eindringlichsten Botschaften des noch unbekannten Draußen, und manches Werk schien in meinen Ohren zu detonieren. Aber nur eines erschüttert mich immer noch – A Love Supreme.

Man muss sich die achtziger Jahre in Erinnerung rufen: wie es war, in der Provinz zu leben, ohne Internet und einen anständigen Plattenladen, auf ein esoterisches Magazin wie Spex und gute Freunde angewiesen. Daran gemessen, hatte ich meinen Horizont früh gedehnt, von den Stones bis zu Kraftwerk. Alle Musik schien eine Verbindung zum Sichtbaren zu haben, zu den Menschen um mich herum – zu den freundlichen Langhaarigen ebenso wie zu den Mürrischen in Lederjacken. Es hatte etwas zu bedeuten, ob man die Doors hörte oder Depeche Mode. Doch diese eine Platte war auf unheimliche Weise anders, nicht zu verorten. Sinnigerweise kam sie aus dem Nichts, per Postversand, während ich sonst Platten in größeren Städten kaufte. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich von ihr erfuhr. Wahrscheinlich hatte ich in einem alten Jazzlexikon über sie gelesen. Da lag sie nun, auf meinem Dual-Plattenspieler: eine der ganz großen Jazzplatten.

Auf dem Cover: Coltrane. Todernst, in Schwarz-Weiß. Im Jackett, als sei er absolut nicht zum Spaß hier, ein Musikarbeiter der frühen sechziger Jahre. Der grübelnde Blick: eine Andeutung, hier ist einer aufs Äußerste mit sich selbst beschäftigt. Popgeschichtlich gesehen war die Musik damals schon alt, aufgenommen 1964. Deshalb störte es mich wenig, dass ich kaum etwas über Coltrane wusste. Er hatte neben Miles Davis auf der Bühne gestanden, war heroinabhängig gewesen und hatte irgendwann wohl die Idee gehabt, er könne sich durch sein Werk Gott nähern. Vielleicht wollte er sich auch nur für seine eigene Auferstehung bedanken. Da wollte einer nicht nur Erfüllung, die Sau rauslassen, andere Leute beeindrucken. Da suchte einer mit der allergrößten Kraft nach sich selbst. Drei Jahre später ist er gestorben.

Noch heute lässt mich der Beckenschlag, mit dem die Platte beginnt, erschauern. Es ist, als öffne sich ein Vorhang: Tritt ein und lass alles Gewohnte fahren. Dann das Tenorsaxofon. Und später Coltranes Stimme. A Love Supreme – vier Silben, vier Töne. Das Instrument umkreist sie, bildet sie in unendlichen Schattierungen ab. Auf anderen Jazzplatten, die ich später kaufte, schlug mir oft nur leerer Improvisationswahn entgegen. Aber hier: alles gewaltig und würdevoll. Ich bilde mir ein, jeder muss das spüren, auch wenn er sein Leben bisher mit Speed Metal verbracht haben sollte. Jeder wird erstarren wie ein Ungläubiger, der zum ersten Mal eine Kirche betritt.

Dass Musik das Zeug hat, ein Leben zu verändern, wie der Titel dieser Kolumne so lässig behauptet, daran glaube ich nicht. Bestenfalls öffnet sie uns die Ohren. Und natürlich hören wir sie auch als Soundtrack unseres Lebens, dessen Macht wir im Nachhinein verklären. Trotzdem klingt A Love Supreme für mich auf besondere Weise fort. Wie ein innerer Ton, der immer lauter wird. Durch ihn weitet sich die Welt.

John Coltrane: A Love Supreme, Verve/Universal