Niemals nach Kriegsende war der Staat in Deutschland derart mächtig wie in diesen Wochen. Und wohl noch nie war er so populär. Er weiß kaum wohin mit seiner Kraft. Breitbeinig stampft er durch die Lande, schützt die kleinen Leute und zieht den frech gewordenen Bankern die Ohren lang. Er kann alles, tut alles, und wird dafür bejubelt: Ein Wort aus seinem Mund, und die Sparbücher sind sicher. Ein Fingerschnipsen, und die Banken haben wieder Kredit. Eine arbeitswütige, schlaflose Woche, und das einschneidendste Notstandsgesetz der Bundesrepublik ist durch das Parlament geprügelt. In Frankreich spricht Präsident Nicholas Sarkozy schon von der Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. Suchte man in Hollywood nach einem Schauspieler, der diesen Helden des Augenblicks, den Superstaat, verkörpern könnte, man brauchte einen sympathischen Muskelprotz, eine Mischung aus Arnold Schwarzenegger und Hugh Grant, mit ein paar Zügen von Peer Steinbrück vielleicht.

Eben noch hatte man ihn verachtet, verhöhnte ihn als unfähig und bürokratisch. Eben noch galt der Nationalstaat in Zeiten der Globalisierung unvermeidlich als Auslaufmodell. Oder er wurde von Bürgerrechtlern als Finsterling, als allgegenwärtiger Lauscher und Datensammler bekämpft. Es muss ein anderer Staat gewesen sein.

Staat hat Konjunktur, titelt jetzt die taz, und weil das so ist, bilden sich vor den Häusern des Staates schon Schlangen, aus denen der Ruf "Ich auch! Ich auch!" ertönt. Die Herren von der Industrie stehen da einträchtig neben Sozialdemokraten, und jeder möchte der Nächste sein, der von der Großzügigkeit des Staates profitiert. Steuersenkungen, Konjunkturprogramme, Direktbeihilfen – die Wunschlisten werden jeden Tag länger. Geld macht sexy, auch den Staat.

Es liegt kein Goldschatz in den Katakomben des Reichstags

In einem solchen Moment, da Staatsverdrossenheit in schiere Staatsbesoffenheit umzuschlagen scheint, lohnt es sich, einmal zu fragen: Ja wer ist denn das, dieser Staat? Wie sieht er aus? Wo wohnt er? Und hat er eigentlich eine Telefonnummer?

Gerade jetzt, in den Tagen der Krise, wird man den Staat zuerst in Berlin vermuten, im Spreebogen, unter der Kuppel des Reichstags oder hinter den wuchtigen Fassaden des Kanzleramts. Dort residieren die, die in seinem Namen sprechen, die obersten Staatsorgane: Präsident, Parlament, Kanzlerin. Aber sind sie: "der Staat"? Sie sind seine Repräsentanten, nur was sie repräsentieren, lässt sich nicht mit Händen greifen. Es liegt kein Goldschatz in den Katakomben des Reichstags, sowenig wie ein Nibelungenschatz am Grunde des Rheins. Auch der Finanzminister muss sich das Geld, mit dem er jetzt die Banken rettet, exakt da holen, wo es vorher verloren ging: am Markt. Mit Bundesschatzbriefen, die sich gerade größter Beliebtheit erfreuen.

Wo also ist er, der Staat? Je genauer man hinschaut, desto diffuser wird sein Bild. Immer weiter löst sich das Große in seine Bestandteile auf, wie ein kunstvolles Mosaik, von dem nur bunte Steinchen bleiben, wenn man es aus der Nähe betrachtet. Denn der Staat ist ein Abstraktum, eine klug ersonnene Fiktion. Er hat kein Gesicht, keine Gestalt. Woran man ihn erkennt, sind allein seine Leistungen: Der Staat speist die Armen und spaltet Atome. Er macht Gesetze, baut Straßen und Schulen. Er treibt Steuern ein und verteilt Subventionen. Er sorgt für Ruhe im Land, jagt Verbrecher, spricht Recht, und mitunter tötet er sogar. Er führt Krieg und schafft Frieden. Es gibt keine höhere Gewalt als ihn. Auch jetzt, in der Finanzkrise, waren es wieder die Nationalstaaten, die gehandelt haben, nicht irgendeine supranationale Organisation. Die Staaten müssen sich absprechen, aber ohne sie geht es nicht.