Es musste Abend werden in der Geyerstraße im Münchner Glockenbachviertel, die Kinder Helena und Selma mussten im Bett sein, damit Stefan Diez Zeit zum Denken haben sollte. Das Atelier war jetzt dunkel und still, ein paar vertrocknete Blätter raschelten auf dem Plexiglasdach. Er hatte nur ein Glas Wein und ein blankes Blatt Papier vor sich. Stefan Diez konzentrierte sich ganz und gar. Auf lackiertes Stahlblech und warmes Leder. Er dachte an seinen Stuhl. An den Stuhl seines Lebens. An das Gefühl, in einem Auto zu sitzen, an Karosserien. Er nahm einen Schluck Wein. Dann noch einen. Dann passierte lange nichts. Dann schrieb er das Wort "Kart" auf das Papier. Dann "Chassis". Das war es. Chassis.

Seitdem hängt ein Zettel an der Wand, auf den das Wort "Chassis" gedruckt ist. Nur um gucken zu können, ob ihm der Name auch ohne Rotwein gefällt. So wie der Stuhl, den er benannt hat, auch jeden Morgen gefallen muss. Der Name ist wichtig, sagt er. Der richtige Name. Wer das eigene Erzeugnis schlecht benennt, hat es auch schlecht verstanden. Chassis also: "Dreimal s – schön, oder?"

Der Münchner Diez gehört schon zu den wichtigsten deutschen Designern, obwohl er erst seit fünf Jahren auf dem Markt ist, ein Newcomer. Er ist niemand, der erklären kann, wie die Welt da draußen funktioniert. Er ist ja schon froh, wenn er sagen kann, wie die Welt hier drinnen funktioniert. Und wenn er das tut, guckt er stetig auf den Boden seines Ateliers, als müsse er sich ständig vergewissern, dass dieser noch da ist.

Alle wollen mit ihm zusammenarbeiten. Diez designt für den Porzellanhersteller Rosenthal, für die Elektromarke Merten, für Thonet, für die italienische Möbelmarke Moroso und für den Konsumgüterhersteller Authentics. Er hat ein Atelier mit vier Angestellten und könnte noch viel mehr arbeiten. Aber mehr will er nicht.

Dieser Tage wird sein neuer Stuhl vom Hersteller Wilkhahn in Köln präsentiert. Es gibt schon einen Prototyp. Er steht selbstbewusst mitten im Atelier. Er ist schwarz, steht breit auf etwas ausgestellten Beinen, das Metall glänzt, und die lederne Sitzfläche und die Lehne schimmern matt. Dieser Stuhl sieht so aus, als sei er immer da gewesen. Dabei ist alles an ihm neu.

Er basiert auf einer Rahmenkonstruktion, wie man sie bisher nur aus dem Automobilbau kannte. Er soll seine eigene Zeitrechnung eröffnen. Chassis wird ein Stuhl aus Stahlblech sein – einer der ersten dieser Art. "Einen Stuhl aus Blech zu gestalten ist eine alte Designer-Idee", sagt Diez. Nur wurde diese Idee selten umgesetzt: Blechstühle gibt es vor allem als Zweckmöbel. Zu den wenigen Design-Blechstühlen, die gefertigt wurden, gehört der Lambda Chair von Richard Sapper und Marco Zanuso.

Für Wilkhahn, ein 600-Mitarbeiter-Unternehmen aus Bad Münder bei Hannover, ist Chassis ein kleines Wagnis. Die Werkzeuge, die für die Produktion notwendig sind, müssen neu angeschafft werden. Für einen Möbelhersteller eine hohe Investition. Aber Chassis ist als Stuhl für Konferenzsäle konzipiert worden. Während für die Privatwohnung nur wenige Stühle gekauft werden, werden Tagungsräume hundertfach bestuhlt. Und hohe Stückzahlen braucht Wilkhahn, damit der Stuhl sich rechnet. Es reicht nicht, ein Vorzeigedesignstück zu haben. Mit Chassis möchte Wilkhahn den Erfolg des Stuhls Modus wiederholen, der über 1,5 Millionen Mal verkauft wurde.