Sitzen kann gefährlich sein, ich habe davon sogar eine Narbe im Gesicht. Es geschah im Kindergarten, ich war vier Jahre alt. Ich wollte mich gerade hinsetzen, als ein Spielkamerad mir den Stuhl wegzog. Leider wurde der Fall gebremst von der Tischkante. Kurz darauf saß ich wirklich, und zwar auf einer Bank im Foyer mit der Leiterin des Kindergartens. Sie presste mir ein Tuch ans blutende Kinn, so warteten wir auf meine Mutter.

Sitzen war eigentlich schon immer ein Problem für mich, aber das fiel mir erst wieder ein, als ich mich für diese Geschichte auf die Reise zu den Sitzplätzen meines Lebens begab und mir die Holz-, Metall- und Plastikgegenstände einmal genauer ansah, auf denen ich in den letzten Jahrzehnten gesessen habe. Für mich gab es ungefähr ein Dutzend wichtige Stühle, jeder ein Lebensabschnittsgefährte für Kindheit, Schule, Studium und Beruf. Einige davon besitze ich heute noch, andere verstauben auf dem Speicher, oder ich setzte sie irgendwann auf der Mülldeponie aus.

Moderne Büromenschen wie ich haben besonders häufigen und innigen Kontakt zu ihrem Stuhl. Dennoch denkt man normalerweise nicht übers Sitzen nach. Man tut es, genau wie man isst. Aber während viele ein halbes Dutzend Bücher übers Essen daheim haben, hat kaum jemand ein Buch übers Sitzen. Ich hatte auch keins, jetzt habe ich sieben. Und bei der Lektüre stieß ich auf ein paar unangenehme Wahrheiten. Der Mensch ist zum Gehen gemacht, nicht zum Sitzen, es widerspricht unserer Anatomie und der doppelten S-Form der Wirbelsäule. Beim Sitzen wird das Becken unnatürlich nach hinten gedreht, aus dem S wird ein spiegelverkehrtes C. Während ich hier sitze und schreibe, wird nicht nur der vordere Teil meiner Bandscheiben gequetscht, meine Nackenmuskeln werden schlecht durchblutet, meine Atmung ist flach, und meine Organe sind eingeengt. Ich beobachte an mir, wie dieses Wissen mich langsam paranoid werden lässt. Ich springe bei der Arbeit jetzt manchmal abrupt auf und gehe durchs Zimmer, damit Milz und Leber den Platz bekommen, der ihnen zusteht. Das verhindert leider das zügige Verfassen von Texten.

Auch viel klügere Menschen als ich haben begriffen, dass Sitzen ein Grundübel unserer Gesellschaft ist. Elias Canetti zum Beispiel war ein Stuhlhasser. Er schrieb: "In einer so eingesessenen, festgesessenen, ganzversessenen Zeit bewegten sich die Menschen überhaupt nicht mehr." Und weiter: "(…) das Sitzen muß überwunden werden. Er (der Ruhelose) behauptet, daß die fixen Ideen, an denen wir alle leiden, nicht nur etymologisch vom Sitzen herrühren." Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, dass das Wort sitzen vom lateinischen sedere abstammt, zu Deutsch ruhig stellen. Das klingt nach Psychiatrie. Und es gibt viele unangenehme Wörter, die sich von sitzen ableiten: Besessene sind verrückt, schlimme Erfahrungen finden wir entsetzlich, und wer wird schon gerne sitzen gelassen. Sitzen ist nicht nur eine äußere Haltung, sondern eine innere Einstellung. Wer sitzen bleibt, kommt nicht weiter. Und er begehrt nicht auf. Wer aufsteht und Rückgrat zeigt, beweist Mut. So wird Bob Marleys Get up, stand up zur Hymne aller Stuhlfeinde.

All das wusste ich noch nicht im Kindergarten. Ich wollte sitzen wie alle anderen. Und dafür ist der Kindergarten auch da, er bereitet Menschen auf das vor, was die Schule vollendet: uns zu sitzenden Wesen zu machen.

Von außen sieht mein alter Kindergarten aus wie ein Lebkuchenhaus, dunkelbraun mit weißen Verzierungen um Türen und Fenster. Niedrige, sechseckige Gebäude schmiegen sich wie Waben in einem großen Garten aneinander. Die alten Stühle, auf denen ich im Kindergarten sitzen übte, gibt es noch. Nur stehen sie nicht mehr in den Gruppenräumen im Erdgeschoss, sondern in den Nebenräumen im ersten Stock, in denen die Kinder manchmal basteln oder malen. Die Stühle sind noch immer stabil, aber die Kleinen sind heute größer, als wir es in den siebziger Jahren waren. Also bestellte der Kindergarten bei der schwäbischen Firma Dusyma, Spezialist für Kindermöbel und -spielzeug, neue Holzstühle.

Es ist 30 Jahre her, dass ich zuletzt hier war, aber Tante Rita, meine Erzieherin von damals, erkennt mich sofort. Rita duzt mich natürlich, die Rollenverteilung ist auch nach drei Jahrzehnten noch dieselbe. Nur kommt sie mir heute etwas kleiner vor. Sie trägt aber auch nicht mehr die hohen Plateau-Holzschuhe, die ich an ihr so bewundert habe.