Die Aufregung ist jedes Mal gigantisch – und verdampft bei der ersten Entwarnung wie Nebel in der Sonne. Im Sommer war die westliche Welt in Sorge vereint, weil das Öl teurer wurde denn je. Gut ein Jahr zuvor war die Angst vor der Klimakatastrophe auf dem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Mancher führt das darauf zurück, dass bekannte Wissenschaftler damals der Menschheit vorrechneten, wie dramatisch ihr Energiekonsum die Erde verändert. Tatsächlich aber klang die Furcht bald wieder ab, was für eine andere Deutung der kurzzeitigen Aufregung spricht: 2007 war der Winter in weiten Teilen der Nordhalbkugel ungewöhnlich warm. Als das Wetter sich wieder normalisierte, verlor sich der Reformeifer in Sachen Klima schnell.

Menschen und ganze Gesellschaften entspannen sich, wenn der Handlungsdruck entweicht. Und das ist die Krux beim Ringen um die Energiewende: Jeder weiß, dass wir sie eigentlich brauchen, aber die meisten sind froh, wenn es nicht sofort sein muss. Es ist wie in einem Wettrennen der Notsignale. Mal ist die Ölkrise vorn, mal die Klimakrise. Jetzt sinkt der Benzinpreis wieder, dafür schmilzt das Polareis schneller als gedacht.

An der generellen Lage ändert das nichts: Die Abhängigkeit von fossiler, von dreckiger Energie ist ein Fluch, von dem wir uns schnell befreien sollten. Wenn schon nicht das knappe Öl die Wirtschaft zum Kollaps führt, müssen wir irgendwann die Küsten räumen, weil die Ozeane unsere Städte wegspülen. Und doch geht in diesem Hin und Her der Nöte jeder nachhaltige Wille zur notwendigen Reaktion unter. Derzeit kommt noch die Finanzkrise dazu, die beispielsweise die EU dazu verführt hat, ihr wichtiges Klimapaket mit deutlich weniger Elan zu schnüren.

Es gibt Dringenderes, fast immer. Wichtigeres gibt es nicht. Doch weil sowohl die Ölpreise als auch die Temperaturen zwar langfristig auf dem Weg nach oben sind, aber dabei extrem schwanken, lässt die Welt sich ablenken. Man könnte das darauf zurückführen, dass die zur kurzfristigen Aufregung neigende Mediendemokratie die verfügbaren Informationen nicht verarbeiten kann. Doch Diktaturen gehen eher noch schlechter mit der Klimafrage um, und westliche Länder sind schon in absehbare Katastrophen hineingelaufen, lange bevor das Fernsehen und das Internet eine Rolle spielten.

Egal in welchem System, Klimaforscher allein können mit ihren Erkenntnissen die Menschheit nicht zum Handeln bewegen. Ihr Fehler ist, dass sie es oft bei der Naturwissenschaft bewenden lassen. Die Welt tut aber nicht automatisch, was zu ihrem Überleben notwendig ist. Deshalb müssen sich Klimastrategen neben dem Technischen mit dem Menschlichen befassen. Große Wenden im Verhalten kommen wie Lawinen langsam ins Rollen, werden erst später wuchtig und schließlich unaufhaltsam. Heute wissen Sozialforscher viel darüber, wie sich die Routinen unseres täglichen Handelns ändern, wie Moden und Moral uns alle beeinflussen. Dieses Wissen muss die Politik genauso nutzen wie die Berechnungen der Klimaforscher. Nur wenn die Veränderung von oben und von unten kommt, nur wenn sich zur Erkenntnis- auch die Verhaltenswende gesellt, entkommt die Welt der selbst gestellten und doch so tückischen Klimafalle. 

Mensch und Technik – unsere Serie "Was kommt nach dem Öl?" lesen Sie in der neuen Ausgabe der ZEIT. Ab Donnerstag am Kiosk.