Während große Finanzinstitute wie Lehman Brothers eine Abkürzung zum Friedhof nehmen, fragt sich so mancher: Was wird eigentlich aus den Künsten in Amerikas wichtigster Kulturstadt? Was wird aus dem New Yorker Kulturleben? Schließlich kommt das Geld für die Kultur in Amerika im Wesentlichen aus privater Hand, und so könnte ein Zusammenbruch der Wall Street einen Zusammenbruch der "Culture Street" nach sich ziehen. Muss die Metropolitan Opera ihre Türen schließen? Wird das MoMa enden wie die Wachovia-Bank? Wird der Bronx-Zoo seine Tiere in die Freiheit entlassen? Werden die Broadway-Schauspieler umschulen und uns zu Weihnachten als Pfarrer überraschen? Kurzum, wird die New Yorker Kultur sterben, wenn die Wall Street nicht wiederaufersteht?

Margaret Doyle, Sprecherin des Museum of Modern Art, das als gemeinnützige Einrichtung auf Spenden angewiesen ist, antwortet auf meine Frage nach den Auswirkungen des Wall-Street-Bebens: "Das Museum lehnt jede Stellungnahme ab." Die Metropolitan Opera, eine der lautstärksten und reichsten kulturellen Institutionen der Stadt, lässt es sich nicht nehmen, mich nicht zurückzurufen. Barry Watkins, Senior-Vizepräsident für Öffentlichkeitsarbeit am Madison Square Garden, "will kein Interview geben" – sagt seine Sekretärin. "Einige dieser Leute", bestätigt mir ein Vertreter des New York State Council on the Arts, "wollen schlicht den Mund nicht aufmachen. Sobald sie zugeben, dass sie Probleme haben, werden die Sponsoren ihnen den Rücken kehren." Den Namen meines Gesprächspartners darf ich nicht nennen.

Das Publikum will keine Hiobsbotschaften mehr hören

Nicht alle sind so zugeknöpft. Jim Nicola, künstlerischer Leiter des gefeierten New York Theatre Workshop, ist eine der Ausnahmen. "Wir sind in einer schwierigen Lage", erklärt er mir. "Am ersten Tag der Finanzkrise brach der Ticketverkauf ein." Die Leute zahlten gerne "für neue Stücke über die Freuden des Lebens. Nicht aber für Programme über den Irakkrieg." Hat Nicola mit seinen Geldgebern telefoniert? Ja, das hat er. Und haben sie ihm versprochen, sein Theater auch künftig zu unterstützen? Nein, das haben sie nicht. Sie warten ab, wie sich die Situation auf dem Finanzmarkt entwickelt. Hat er Angst, dass sein Theater vielleicht schließen muss? Ja, diese Angst hat er. Er habe Albträume, sagt er mir. Aber es gebe auch mehr zu lachen als sonst.

Teresa Eyring, Geschäftsführerin der TCG, der mächtigen Dachorganisation gemeinnütziger Theater in den USA, meint, es braue sich etwas zusammen. "Bei manchen Theatern gehen die Besucherzahlen schon zurück." Freilich, nicht die ganze Kunstwelt ist nervös. Renée Price zum Beispiel überhaupt nicht. Das Motto der gebürtigen Wienerin, die die Neue Galerie in Manhattan leitet: "Amerika ist das Land des Optimismus. Ich dränge meine deutschen Freunde immer, nach Amerika zu kommen." Renée, muss man wissen, ist eine echte Optimistin. Im Laufe der nächsten Monate, sagt sie, würden viele Menschen ihre Arbeit verlieren und endlich "Zeit haben, sich unsere Ausstellungen anzuschauen".

Unter uns gesagt, muntern mich weder Renées Sinn für Optimismus noch Teresas tiefe Sorgen wirklich auf. Während ich den Broadway abklappere, hoffe ich darauf, dass mir ein Mensch mit einer dicken Brieftasche die verschlungenen Verhältnisse von Geld und Kultur erklärt. Wer wäre dafür besser geeignet als Mr. Broadway höchstpersönlich, der Oberboss des Great White Way, wie dieser Teil der Theatermeile wegen seiner Leuchtreklamen genannt wird? Ich treffe also Gerald Schoenfeld, den Vorstandsvorsitzenden der Shubert Organization, die mit 17 Broadway- und einem Off-Broadway-Theater der größte Theaterbetreiber der Stadt ist. Schoenfeld ist der unbestrittene Königsmacher der New Yorker Bühnen. Wenn Gerald will, hat man eine Show am Broadway. Wenn er nicht will, dann hat man es schwer. Die Macht dieses Mannes erklärt, warum ihm der Ruf des härtesten Protagonisten der New Yorker Kulturszene vorauseilt. Nicht dass dieses Bild der Wirklichkeit entspräche. Schoenfeld, der gerissenste Kopf des Broadway, erinnert mich eher an meinen Großvater, jedenfalls an den meiner Träume. Unwillkürlich und ganz unstandesgemäß halte ich Geralds Hände fest umschlossen, als wollte ich sagen: Hallo Großpapa, bin wieder da, mach dir keine Sorgen!

Herzlich führt mich Gerald Schoenfeld in sein Büro, das eher einem königlichen Wohnzimmer gleicht, und lässt mich wissen, wie sehr er sich freut, mich zu sehen. "Wissen Sie", sagt er, "in New York fühle ich mich gar nicht als Jude. Nur wenn ich in Österreich oder Deutschland bin, empfinde ich mich als Juden. Sie lassen es mich spüren, weil sie mich nicht mögen." Ich versuche, ein Gespräch über Deutsche und Juden abzubiegen, und frage ihn nach seiner Meinung über Patricia Cohens Artikel in der New York Times, in dem es hieß, die Theaterwelt würde die Finanzkrise "ängstlich verfolgen". "Die New York Times kann man vergessen", schnappt er zurück, "die verstehen doch rein gar nichts vom Theater." Aber darüber will ich jetzt auch nicht reden. Wirkt sich die Finanzkrise, frage ich ihn direkt, auf sein Geschäft aus? "Ich bin kein Prophet", antwortet er, "und kann Ihnen nur sagen, was ich sehe. Dieses Jahr ist das beste, das wir je hatten."