Eine alte Börsenregel besagt, dass man schleunigst verkaufen sollte, wenn diejenigen über einen Kauf nachdenken, die sich normalerweise nicht mit Finanzanlagen beschäftigen. Auf den Rohstoffmärkten hat sie sich bewährt. Der Handel mit ihnen ist eigentlich ein Terrain der Profis, als die Preise im Frühsommer auf immer neue Höhen kletterten, waren sie plötzlich auch bei Kleinanlegern gefragt. Jetzt brechen die Kurse von Öl, Gas, Kupfer, Nickel und Weizen regelrecht ein. Der Ölpreis hat sich in den vergangenen Wochen beinahe halbiert, Kupfer kostet so wenig wie zuletzt 2006, die Lagerbestände für Aluminium liegen auf dem höchsten Stand seit 14 Jahren. Der sogenannte CRB-Index, der die 19 wichtigsten Rohstoffe zusammenfasst, fiel seit Anfang Juli um 39 Prozent. Nur die Krisenwährung Gold legte kräftig zu. Was nur ist geschehen?

Eines zeigen die Bewegungen an den Märkten: Um die Preisentwicklung der Rohstoffe zu erklären, muss man nicht esoterische Erklärungsmuster wie die der bösen Spekulanten oder des billigen Geldes bemühen, es reicht der Blick auf Angebot und Nachfrage. Die Weltwirtschaft ist in den vergangenen Jahren so kräftig gewachsen wie selten zuvor in ihrer Geschichte. Damit stieg der Bedarf an Bodenschätzen – vor allem in den boomenden Schwellenländern Asiens, die ihre Industrie erst aufbauen müssen und deshalb besonders viel Öl, Eisen und Holz benötigen. Seit fünf Jahren verbraucht Asien überdurchschnittlich viel Primärenergie. Das Angebot konnte damit nicht Schritt halten. Die globale Ölproduktion sank 2007 um 0,2 Prozent. Kein Wunder, dass der Ölpreis mehr als sechs Jahre lang stieg. Es war die längste Aufschwungphase seit 1861.

Nun aber bricht die Konjunktur weltweit mit einer Geschwindigkeit ein, die kaum ein Experte für möglich gehalten hätte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für das kommende Jahr nur noch einen Zuwachs des globalen Bruttoinlandsprodukts von 3,0 Prozent voraus – 2007 waren es noch 5,0 Prozent. In Europa und den USA stagniert die Wirtschaft, selbst in China schwächt sie sich ab. Wie immer folgt auf einen Aufschwung ein Abschwung – und die Finanzkrise belastet die Konjunktur zusätzlich, weil es für Unternehmen schwieriger wird, sich Geld für Investitionsprojekte zu leihen.

Selbst die düsteren Prognosen stellen sich als zu optimistisch heraus

Und für den Fall, dass die derzeit rund um den Globus aufgelegten Rettungspakete für den angeschlagenen Bankensektor nicht greifen, werden sich selbst die düsteren Prognosen des IWF noch als zu optimistisch herausstellen. Einzelnen Schwellenländern geht es bereits so schlecht, dass sie mit dem IWF über Nothilfen verhandeln. All dies bremst die Nachfrage nach Rohstoffen, weil die Unternehmen weniger herstellen und die Verbraucher weniger konsumieren.

Die Internationale Energieagentur senkte jüngst ihre Prognose für den Ölbedarf um 440.000 Fass (159 Liter) täglich. In China, dem größten Kupferverbraucher, verliert der Bauboom an Dynamik. Weil das Angebot nicht ebenso schnell zurückgefahren wird, füllen sich die Lagerhäuser, die Preise sinken. Die Bleivorräte an der Rohstoffbörse London Metal Exchange zum Beispiel steigen deutlich, das Metall kostet rund 40 Prozent weniger als vor einem Jahr. Einer Studie der Deka-Bank zufolge wird Blei zu 80 Prozent für Batterien, vor allem bei der Herstellung von Autobatterien, eingesetzt. Nur liegt die Automobilherstellung in den USA aber seit März deutlich unter dem Vorjahresniveau, auch die Hersteller in Europa und China produzieren weniger.

Schon korrigieren die Banken ihre Vorhersagen. Goldman Sachs etwa erwartet für das vierte Quartal einen durchschnittlichen Ölpreis von 75 Dollar, vor Kurzem waren es noch mehr als 100 Dollar. "Die Preise der zyklischen Rohstoffe könnten weiter zurückgehen", schreiben die Experten der BHF-Bank. "Die Talfahrt an den Rohstoffmärkten ist noch nicht vorbei", heißt es bei der Deka-Bank. Einmal mehr zeigt sich jetzt, dass am Finanzmarkt auf Analysten nur bedingt Verlass ist. Denn die Experten neigen zu Übertreibungen: Steigt der Preis, überbieten sie sich gegenseitig mit immer höheren Prognosen, fällt er, rennt die Herde in die andere Richtung.