Russlands Antwort auf das georgische Vorgehen in Südossetien traf wirtschaftliche wie militärische Ziele im ganzen Land. Das spürte auch der wichtige Hafen in Poti am Schwarzen Meer, 300 Kilometer von der eigentlichen Kriegszone entfernt. Niemand dort war vorbereitet, als am 7. August kurz vor Mitternacht 20 Bomben im Containerterminal einschlugen; fünf Hafenarbeiter starben. Die Dockarbeiter flohen aufs Land, der britische Hafendirektor Alan Middleton schloss den Betrieb aus Furcht vor weiteren Attacken.

Doch schon 48 Stunden später, als klar war, dass die Sachschäden überschaubar blieben, nahm die Tages-, später auch die Nachtschicht den Betrieb wieder auf. "Die Feindseligkeiten haben die Dinge nur verlangsamt", sagt Middleton. "Inzwischen läuft alles wieder im alten Gleis." Per Ende August lag das Frachtaufkommen in Poti zwei Prozent über Vorjahr – trotz Zwangspause. Versiebenfacht hat sich der Umschlag seit den Neunzigern, Tendenz: unbeirrt.

Damit steht der Hafen für das ganze Land. Georgien und seine Bewohner sind emotional schwer getroffen von den russischen Angriffen. Der ökonomische Schaden ist hingegen gering – das ist auch ein Thema auf der aktuellen Geberkonferenz für Georgien in Brüssel.

"Alles sieht jetzt besser aus als im August, als einige Banken schlossen und eine halbe Milliarde Dollar ins Ausland geschafft wurde", sagt Kaka Schengelia, Präsident der Kaukasus-Universität. So schnell war der Krieg wieder vorbei, dass die türkischen, arabischen oder kasachischen Investoren gar keine Zeit hatten, ihren Einsatz infrage zu stellen.

Meist fungiert Georgien dabei als strategisches Verbindungsstückchen zwischen den rohstoffreichen Ländern Mittelasiens, dem Kaukasus und dem Westen. Denn weiter südlich in Armenien sind die Grenzen geschlossen, im Norden bleibt nur der mühsame Landweg über Russland, den die Händler lieber meiden. Der Hafen von Poti gehört mehrheitlich einer Gesellschaft aus den Emiraten, der Ölhafen Batumi den Kasachen. Bauxit für die kasachische Aluminiumindustrie wird hier verladen, Konsumwaren für (öl)reiche Turkmenen und Aseris. Rohstoffe und Vorprodukte aus der Region gehen den umgekehrten Weg in den Westen. Der Hafenboom basiert auf dem Aufschwung der gesamten Region.

Die Korridorfunktion ist Geld wert: Um bis zu zwölf Prozent war Georgiens Wirtschaft bis zum Krieg gewachsen – nun sind noch sechs Prozent machbar, so vorsichtige Schätzungen. Dabei spielen Kriegseinwirkungen und die internationale Finanzkrise eine Rolle. Die lokalen Banken, die im Boom allzu locker Kredite verteilten, sind knauserig geworden. Andererseits muss ein langsameres Wachstum keineswegs von Nachteil sein. Die Lage lief zunehmend aus dem Ruder; hohe Inflationsraten trafen besonders die vielen Armen. Unmut über die rasant wachsende Ungleichheit im Land mündete in Unruhen im vergangenen Herbst, die von Saakaschwilis Sonderpolizei brutal niedergeschlagen wurden.

Bis zuletzt genoss Präsident Micheil Saakaschwili wegen der guten Wirtschaftslage international hohes Ansehen. Kritik, etwa an der Rechtlosigkeit georgischer Arbeitnehmer oder der fehlenden Lebensmittelüberwachung, versteckte die EU in ihren "Fortschrittsberichten". Privatisierung, wenig Regulierung und allzeit Vorfahrt für Investoren – das Land bediente sich ultraliberaler Rezepte. Nun wird der Ruf nach mehr Regeln und einer Sozialpolitik lauter, die diesen Namen verdient. Das Heer der Armen ist um Zehntausende Flüchtlinge aus Abchasien und Südossetien gestiegen. Es sind ethnische Georgier, die vorerst wohl nicht zurückkehren können und deren Wut auf die Regierung groß ist.