Die Paulskirche in Frankfurt am Main ist ein sehr deutscher Ort, nicht allein, weil hier 1848 die Nationalversammlung tagte, sondern auch deshalb, weil hier der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergeben wird. Es kann gar nicht anders sein, dass an diesem geschichtsträchtigen Ort immer aufs Neue die Schatten der deutschen Vergangenheit beschworen werden, und die Auswahl der Preisträger war immer wieder der Versuch, diese Schatten durch leuchtende Beispiele humaner Gesinnung aufzuhellen. Oftmals wurden Verfolgte des nationalsozialistischen Terrors ausgezeichnet, Nelly Sachs etwa, Martin Buber, Saul Friedländer oder Fritz Stern. Der Wunsch nach Frieden und Versöhnung, der dem Preis innewohnt, hat seine Wurzel in der deutschen Erfahrung von totalem Hass und totalem Krieg.

Der Friedenspreisträger dieses Jahres, Anselm Kiefer, ist ein sehr deutscher Künstler. Die Finsternisse der deutschen Geschichte sind seine Obsession, oder, um es mit den Worten seines Laudators Werner Spies zu sagen: "Böses, vermintes Terrain ist auffällig präsent, Ruinen der nationalsozialistischen Bauten, Beschwörung nordischer Mythen, Hermannsschlacht, Walhalla, Runen. Kiefer malt buchstäblich den Teufel an die Wand und arbeitet mit Zitaten und Erinnerungen, die sich gefährlich – und auf bewusste Weise – einer morbiden Faszination nähern."

Wenn Spies schlussfolgert, Kiefer agiere gegen Verdrängung, so halbiert er damit das unübersehbar Unheimliche dieser schreckensvollen Installationen und Skulpturen. Wahr ist nämlich, dass Kiefers Werk moralische Aussagen weit hinter sich lässt. Es stammt aus dem Dunkel einer schwarzen Romantik, die aller Aufklärung misstraut. Es ist vollkommen humorlos und frei von Ironie. Aus ihm spricht die Sentimentalität dessen, der im Katastrophalen wohnt. Der Friedenspreis jedoch ist ein Moralpreis, kein Kunstpreis. Friedliebendes, friedensförderndes Handeln kommt zumeist aus jener Region "mittlerer Humanität" (Adorno), in der große Kunst selten zu Hause ist, und man missversteht Kiefer, wenn man seinem Werk erzieherischen Charakter zuspricht.

Wer Zweifel daran hatte, ob Kiefer der ideale Preisträger sei, wurde durch dessen Rede leider bestätigt. Sie war in ihren autobiografischen Teilen interessant, in ihren programmatischen mystisch verquast. Man konnte darin alles finden, was dem Deutschen, Allzudeutschen immerzu anhaftet, die Neigung, in jedem Dunkel Tiefe zu vermuten und im Zusammenhanglosen geheime Zusammenhänge: "Über die Atome sind wir ganz materiell miteinander verbunden. Ich fühle mich verbunden mit gewesenen und lebenden Menschen, mit Ingeborg Bachmann und Paul Celan, mit Ernst Bloch, Jesaja und den letzten Psalmisten. Ich fühle mich mit Menschen und mit Steinen verbunden, die schon lange vor mir waren und lange nach mir sein werden." Es kann passieren, dass große Künstler ihrem eigenen Werk rhetorisch nicht gewachsen sind.

"Es senkt das deutsche Dunkel sich über mein Gemüt", hat Wolf Biermann einmal gesungen. In der Paulskirche, jedenfalls in den Köpfen einiger Zuhörer, ist es am vergangenen Sonntag ziemlich duster geworden, aber die Paulskirche ist halt ein sehr deutscher Ort. Ulrich Greiner