Die Welt hat mich "bescheiden" genannt. Kurze Zeit später hat Wiglaf Droste mich in der jungen Welt als "bescheidenste tragende Säule der Welt" bezeichnet, und nun platze ich allmählich vor Bescheidenheit –, die beste Voraussetzung, mal wieder, nachdem ich einmal geschwänzt habe, auf die Frankfurter Buchmesse zu fahren. Im Speisewagen treffe ich, wie man dem Tagesspiegel vom 19.10. entnehmen kann, Harald Martenstein, welcher aus allen Wolken fällt, als er von mir erfährt, daß Männer schreiben und Frauen lesen. Ein weiterer Grund, die Frauen zu lieben. Am Nebentisch sitzt die Filmemacherin und – das ist mir jetzt echt peinlich – Autorin Pia Frankenberg und sagt: "Wir treffen uns ja dann auf dem Empfang von deinem Verlag." Ich sage: "Kommst du zu Kein & Aber an den Stand?" und sie sagt: "Nein, ich meine den Rowohlt Verlag." Ich sage, was ich immer sage: "Nein, ich habe nichts mit dem Rowohlt Verlag zu tun, nein, ich habe nicht abgenommen, ja, ich spiele bei der Lindenstraße mit", aber das glaubt sie nur teilweise. In Frankfurt auf dem Bahnsteig spricht mich ein aus den Medien bekannter Polizist an, der ein Buch geschrieben hat. Ich sage, was ich immer sage: "Ich heiße zwar Rowohlt, ich bin aber kein Verlag. Ich bin ja schon froh, daß ich nicht Kiepenheuer & Witsch heiße." Er macht: "Hä?" Ich sage es nochmal, und langsam verliert er die Geduld mit mir: "Was machen Sie denn dann überhaupt?" "Das müssen Sie ermitteln", sage ich, er macht: "Hä?" "Er-mit-teln", sage ich und hänge ihn locker ab. Ich weiß nicht, wie er schreibt, aber als Beschatter würde ich zu jemand anderem raten. Auf dem Rowohlt-Empfang spuckt mir Rolf Hochhuth, indem er mich fragt, warum ich nicht die Leitung des Rowohlt Verlags übernommen habe, ziemlich viel Geflügelspieß auf den Bauch. Ich sage, was ich immer sage, und ich sage es, weil Rolf Hochhuth, wie jeder anständige Vordenker, nicht zuhört, zweimal: "Nur Minderbegabte und Schwervermittelbare müssen den väterlichen Laden übernehmen, und ich komme auch so ganz gut zurecht, danke schön", und weil er sowieso nicht zuhört, füge ich mit meiner ganzen geballten Bescheidenheit hinzu: "Werden Sie erstmal so’n Idol wie ich; dann sprechen wir uns wieder." Manchmal – insgesamt siebenmal – werde ich auch gefragt, was mein Bein macht, und ich sage, was ich immer sage: "Mein Bein?" Und manchmal werde ich auch gefragt, woran ich gerade arbeite. Ich sage: "An meiner 149. Übersetzung", und dann hoffe ich, daß es als nächstes heißt: "Ach ja? Was ist es denn?", damit ich sagen kann: "Darüber darf ich leider nicht sprechen", was sogar stimmt, weil das Buch mit ungeheurem Trara gleichzeitig weltweit erscheinen soll, und weil ich noch nie etwas Geheimes übersetzt habe, genieße ich das sehr. Meine Freundin Lydia, eine mit allen Wassern gewaschene Ermittlerin und Beschatterin, sagt lauernd, um Fokussierung bemüht: "Aus dem Ungarischen ist es schon mal nicht", ich mache: "Hä?", und sie sagt: "Weil du nicht Ungarisch kannst." "Derlei hat den unvergessenen verehrten Kollegen Wollschläger aber auch nie davon abgehalten, Bücher aus dem Englischen zu übersetzen", versuche ich, die Spuren zu verwischen. Wie von ungefähr erscheint mein bewährter Trauzeuge Herr Stroucken, immer noch von seinem Lieblingsstand verzaubert, dem eines russischen Geographie-Verlags, wo er mehrere Stunden lang Globen liebkost und Reliefkarten des Altai-Gebirges gestreichelt hat. Er möcht mit mir in ein iranisches Restaurant, an das er sich nur schemenhaft erinnert, um diese Erinnerung etwas handfester werden zu lassen, und sagt das, was er immer sagt: "Mein Auto steht ganz in der Nähe." Was er dagegen nie sagt, ist in der Nähe wovon. Das Auto steht dann ganz in der Nähe des Restaurants, und das Restaurant steht am Hauptbahnhof. Das mit der schemenhaften Erinnerung glaube ich sofort, als er die Tür nicht findet und durchs Fenster einzudringen versucht. Wir bekommen einen Tisch in dem für Gringos reservierten Souterrain und sind neidisch auf die eingetragenen Perser, die im Parterre auf Lederkissen sitzen dürfen, kein Besteck und wahrscheinlich auch keine störenden Teller kriegen, sich den Bauch einquetschen und, wenn es ein bißchen später geworden ist, ein Paar Schuhe anziehen müssen, das keiner mehr wollte. Wir beschließen, nächstes Mal mit Anuschka Roshani, genannt Nuschi-das-Mokkatörtchen, der Frau meines Verlegers Peter Haag, herzukommen. Die ist Halbperserin und weiß bestimmt, was man anstellen muß, um ins Parterre zu kommen. Wissen Sie, wie man eine Iranerin quält? Man besucht sie und will nichts. Nein, vielen Dank, nein, auch keinen Kaffee. Nein, Hunger schon gar nicht. Nein, alles ganz prima. Dann schmort sie durch. Später drücken wir uns die Nase am Parterreschaufenster platt. Festlich sieht das aus. Wie eine Hochzeitsfeier. Ich schlage Herrn Stroucken vor, sich als geübter Trauzeuge ins Gespräch zu bringen, aber da macht er bestimmt alles falsch. Irgendwann wird der Laden geknackt, gern auch barfuß. In der Messefesthalle, Saal "Harmonie", will ich mir die Jugendliteraturpreisverleihungen ansehen. Ich komme zweieinhalb Minuten zu spät, habe nur die allgemeine Einladung dabei, die ganz spezielle, beglaubigte, in Hamburg vergessen. Die Türfee fragt: "Sind Sie denn eingeladen?" "Natürlich bin ich eingeladen", sage ich. "Glauben Sie, ich komme aus Interesse?" Es fehlt nicht viel, und sie hätte salutiert. Ein Mädchen mit Querflöte patzt einmal und sieht danach so unglücklich aus, daß ich ihr an dieser Stelle zurufen möchte: "Das waren doch aber mindestens 400 Töne, Kind, und bis auf den einen blöden hast du die ganz toll geflötet!" Gabriële Haefs bekommt wohlverdient einen Jugendliteraturübersetzerpreis, und als Glückwunsch schenke ich ihr hiermit ein Trema für ihr erstes e. Schnell über die Straße in den Hessischen Hof, wo im Rahmen eines sehr gesetzten Essens der fast gleichnamige Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis an Dieter E. Zimmer verliehen wird. Franziska Augstein sitzt neben mir und sagt, ihre Lieblingsstelle bei Nabokov sei die mit der blauen Vase. "Das ist bei mir zu lange her; erzähl", sage ich. "Ich kann nicht alle Bücher vor vierzig Jahren gelesen haben", verweist sie mich ins Reich der alten Säcke. Ich sage, bei der Trauerrede auf meine Mutter hätte ich zwei Lacher gekriegt, was bei einer Trauerrede kein schlechter Schnitt sei. Bei der Trauerrede auf ihren Vater, kräht sie fröhlich, habe sie fünf gekriegt. Ich gebe zu bedenken, daß meine Mutter im Gegensatz zu ihrem Vater eine Dame gewesen sei und ich erst vierzig werden mußte, bevor sie nicht mehr 39 war, weshalb man bei einer Trauerrede vielleicht… "Gut", räumt sie ein, "wenn du die Trauerrede auf meinen Vater gehalten hättest, hättest du sieben Lacher gekriegt." "Mit dir kann man arbeiten", sage ich, und wir geben uns die Hand. Dann schnell vor die Tür, eine rauchen. "Ich liebe das Rauchverbot", sagt Franziska. "Die interessantesten Männer kommen klaglos mit vor die Tür, wo man sich früher aufs Bitten verlegen mußte." Das mit dem Bitten verweise ich bei diesem Klopfer ins Reich der falschen Bescheidenheit. Bei Bescheidenheit weiß ich schließlich Bescheid. Miriam Pressler bekommt den Jane Scatcherd-Preis für ihre Übersetzungen aus dem Hebräischen. Aus dem Hebräischen, sagt sie, ist es eine besondere Schinderei, weil das Hebräische keinen Konjunktiv, keinen Konditionalis, keine Perfekta hat und von sowas Feinem wie dem 2. Futur nur träumen kann. Klar, denke ich, die Sprache der Zehn Gebote. Wo kämen wir denn hin, wenn es "Du solltest nach Möglichkeit nicht gestohlen haben wollen" hieße. Gunhild Kübler bekommt den Paul Scheerbart-Preis für ihre Emily-Dickinson-Übersetzung. Wieviele Bedeutungen, schwärmt Gunhild Kübler, allein schon das Wort "es" bei der Dickinson hat! Ich gratuliere artig und sage weltmännisch, Emily Dickinson scheine das eigentliche "It Girl" zu sein. "Genau", sagt sie, aber in Wirklichkeit denkt sie natürlich: "Schieb du doch ab mit deiner Bescheidenheit." Nun aber ganz schnell zum Titanic -Empfang. Der überschneidet sich immer mit dem gesetzten Essen, weil zu dem gesetzten Essen nur Ausländer und uncoole Deutsche kommen. Die Wirtin des Klabunt, einer wunderbaren Veranstaltungskneipe in Frankfurt-Bornheim, sagt: Als ich dich aus dem Taxi steigen sah, wußte ich: Jetzt gibt es zehn Minuten Gedrängel um den Rowohlt; da kann ich mir ein Bier holen." Auf diese Begrüßung bin ich ganz besonders bescheiden. Der Wirt des Klabunt sagt: "Das hat uns sehr geholfen, daß du uns damals in der ZEIT erwähnt hast. Dadurch kommen jetzt richtige Qualitätsgäste." "Und der Hurzlmeier kann sich seitdem auch vor Aufträgen nicht mehr retten", sage ich, weil ich den grandiosen bildenden Künstler Rudi Hurzlmeier seinerzeit als stillen jungen Mann gerühmt hatte. "Dabei sagt der ständig: ›A, geh weida!‹" Irgendwie hat es der diesjährige Messekatalog nicht. DIE ZEIT , wo ich den Martenstein besuchen wollte, weil er versprochen hatte, er führt Kunststücke vor, steht nicht drin, Zweitausendeins, wo ich den Hurzlmeier besuchen wollte, steht auch nicht drin, dafür aber dick und fett die Schimmelpilz-Direkthilfe. First things first. Und am Stand der Brustkrebs-Vorsorge ist Signierstunde. Wer signiert da? Und was? Ich gebe sechs gickelnden Backfischen Autogramme überallhin, Jeanette Hage vom Hamburger Abendblatt schnürt hinten rechts an mir vorüber und schnurrt: "Sowas machst du für mich nie." "Und das mit voller Absicht nicht", sage ich. "Ich weiß nämlich nicht, wie man ›Janine‹ schreibt." Schlagt die Springer-Presse, wo ihr sie trefft. Und wenn sie mich hundertmal bescheiden nennt. Bazon Brock erinnert mich daran, daß ich ihn vor Jahren im Rahmen einer Dichterlesung in Düsseldorf durch Handauflegen geheilt habe. Ferner habe ich ihm einen wundertätigen Fingerhut geschenkt, den einst Flann OBrien für seine Näharbeiten benutzt hat, und den verwahrt er jetzt im Safe. Er beschwört mich, das professionell zu machen: "Es gibt so wenig wirklich gute Wunderheiler. Ihr Übersetzerkollege Jesus zum Beispiel hat keine Werke hinterlassen, nur Wunder. Ich würde notfalls auch levitieren, wenn der Zulauf mal stockt." "Und das ist noch nicht die einzige Gemeinsamkeit", sage ich. "Jesus war, genau wie ich…", sage ich, und nun sage ich, was ich immer sage, "…in der dritten Generation ungetauft."