Island: Freude über jeden Tanker

Ein Öltanker im Hafen von Reykjavík, das war noch vor wenigen Wochen nichts Besonderes. Nun aber, da Island knapp am Staatsbankrott vorbeigeschrammt ist und in Russland um Kredite bitten musste, wirkt sogar eine normale Öllieferung wie ein gutes Omen. "Wir können offensichtlich das Öl noch bezahlen", sagt Ingimundur Sigfússon.

Sigfússon war Botschafter in Berlin und Tokyo. Von Freunden im Ausland und aus internationalen Zeitungen weiß er, dass die Welt mit Schadenfreude auf das ehemalige Wirtschaftswunderland schaut. "Im Ausland wird sehr negativ über uns berichtet", sagt der ehemalige Diplomat. "Viele Isländer schämen sich ein wenig."

Sie schämen sich vor allem für die drei Großbanken, die pleitegingen und das Land beinahe mit sich gerissen hätten. Das Ansehen der Banker – vorher eine Berufsgruppe, zu der viele Isländer aufsahen – ist rapide gesunken. In der Finanzbranche wurde Hunderten gekündigt. Sigmússons jüngster Sohn arbeitet bei einer kleinen Bank, die vergleichsweise seriös agiert habe, wie er betont. "Die Entlassenen haben gut verdient und einen dementsprechenden Lebensstil gepflegt", sagt er.

Island ist kaum wiederzuerkennen: Die Aufbruchstimmung ist einer breiten Verunsicherung gewichen. Die Schulbehörde bat Lehrer, die Finanzkrise nicht zu behandeln, um die Kinder nicht zu ängstigen. Regierungschef Geir Haarde bekam so viele Drohungen, dass er nun erstmals rund um die Uhr von Leibwächtern bewacht wird.

Wie schlimm ist die Krise wirklich? "Die Menschen wissen nicht, wo sie stehen. Sie haben keine Ahnung, was auf sie zukommt und wie viel ihre Anlagen noch wert sind", sagt Sigfússon. Vor wenigen Tagen hat er in Reykjavík eine Bekannte aus Japan getroffen. Ihre Verwandten hatten ihr angeboten, Pakete mit Lebensmitteln zu schicken. Noch gibt es alles zu kaufen. Doch wenn Sigfússon durch die Stadt geht, scheint ihm weniger los zu sein als vor der Krise – ganz sicher ist er aber nicht.

Weitere Schiffe laufen in den Hafen ein. Ingimundur Sigfússon schaut ihnen erleichtert zu. Hauke Friederichs