Tausendeinundzwanzig Tage waren Victor B. und Alex Katz Geiseln einer ominösen Guerillaorganisation in lateinamerikanischen Wäldern. Zurück in Paris, immer noch rätselnd, wer ihnen das angetan hat, verabreden sich die beiden Zwangskameraden. Doch bevor sie einander treffen, wird Victors Geiselfreund beim Zusammenprall mit einem Lkw aufgespießt. Verbrechen oder Zufall oder Verstrickung? Nicht zufällig begegnen sich die beiden an einem Ort von historischer Bedeutung. In der Librairie du Travail waren einst die sozialistischen Gegner des Ersten Weltkriegs, die Zimmerwalder, zusammengekommen. Victor B. kehrt in seine während der Abwesenheit ausgeraubte Wohnung zurück. Hier beginnt der vorübergehend aus der Geschichte Gerissene sich seines Stands in der Welt zu versichern.

Victor ist Fotograf und hat eine Obsession: Zu jedem Tagesdatum merkt er sich historische Ereignisse. Er lebt in keinem Kontinuum, sondern in einem Nebeneinander historischer Ereignisse und Bilder. Seine Recherche im Ziellosen beginnt am 13. November 1989, an einem Tag, dessen historischer Ort noch nicht feststeht: Todestag von Dolores Ibárruri, der kommunistischen Kämpferin im spanischen Bürgerkrieg, oder Tag vier nach dem Fall der Mauer. Was bedeutet ein Verbrechen in einer Welt von Verbrechen? Jean-François Vilar, Jahrgang 1947, gibt in seinem komplexen und raffiniert die Zeiten wechselnden Roman noir Die Verschwundenen (aus dem Französischen v. A. Stephani u. B. Heber-Schärer, Assoziation A, Berlin/Hamburg 2008, 464 S., 24,– €) eine faszinierende Antwort. Sein Protagonist ist nicht zu fällig Fotograf. Das fertige, scheinbar unumstößliche Bild fixiert nur eine willkürliche Interpretation der Wirklichkeit. Der Roman geht erzählend zurück ins Labor: Je nach Belichtungsdauer und Einwirkung des Entwicklers treten ganz verschiedene Bildaspekte des Negativs zum Vorschein.

Victor B. gerät in Besitz eines Tagebuchs. Der Vater seines Kameraden, der Korrektor, Dichter und Trotzkist Alfred Katz, hat es 1938 geführt. 1938 war ein Schreckens- und Schaltjahr. Katz nimmt teil an der berühmten Ausstellung der Surrealisten (hier nutzt Vilar brillant das Motiv der virtuellen Stadt), lernt den Trotzkimörder Ramón Mercader kennen, begegnet Herschel Grynspan, dessen Anschlag auf einen deutschen Diplomaten Anlass der Novemberpogrome wurde, gerät selbst in die Mordaktivitäten des stalinistischen NKWD. Im rasenden Durcheinander von Verfolgung und Geheimbündelei glüht seine Liebe zur Erotikerin Mila auf. Paris 1938: Vilar rekonstruiert in fantastisch faktentreuen Streifzügen das erotische, künstlerische, revolutionäre Milieu jener Zeit, eine Hommage an die verschwundenen Aufrechten. Und löst, im Ortswechsel nach Prag und zur Revolution 1989 die ganze verzwickte Privathistorie als große Privattäuschung auf. Ein großes Buch, von radikaler Wahrhaftigkeit und Kunst.

Kriminalroman

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle "Vom Stapel" von Ursula März