Wilfried N’Sondé lebt jetzt in zwei Welten, die einander nur selten berühren. In der ersten Welt arbeitet der 39-Jährige als Sozialarbeiter im Ladenlokal der Berliner Jugendinitiative SCK. An diesem Nachmittag wedelt der Nachbar mit einer Zeitschrift: "Hallo, Wilfried! Ich les grad was über dich!" N’Sondé grinst verlegen, nimmt das Heft und betrachtet skeptisch sein Porträt: "Da sehe ich aber komisch aus."

"Bist jetzt berühmt, wa?"

"Komm, hör auf", lacht N’Sondé, "ruinier hier nicht meinen Ruf!"

Als ob sie sich am Klausener Platz nicht genauso wie er über den Erfolg freuten, den er mit seinem Debütroman Das Herz der Leopardenkinder genießt – in der anderen Welt, dem Literaturbetrieb, wo man ihn schon mit Céline und Rimbaud verglichen hat.

"Fragen, Fragen, nichts als Fragen, der hört überhaupt nicht mehr auf!" Seine Erzählweise fesselt beim ersten Satz. Verstört, zornig, noch benommen vom Kiffen und Trinken findet sich ein junger Afrikaner beim Verhör auf einer Pariser Polizeiwache wieder. Die Brutalität des Kommissars lässt ihn ahnen, dass er etwas Schreckliches getan hat, doch in seinem Gedächtnis bleibt es dunkel.

In einem inneren Monolog sucht er nach Erklärungen, Motiven. Szenen seines Lebens in der Banlieue scheinen auf, in den "versifften Menschenkäfigen mit der ewigen Spucke und dem Gestank von Pisse im Flur"; Erinnerungsfetzen vom Herumhängen mit einer multikulturellen Jugendclique, wie man sie, obwohl am Klausener Platz keine Mietskasernen, sondern stuckverzierte Altbauten stehen, ähnlich in N’Sondés Charlottenburger Kiez treffen könnte.

Der neuerdings gefeierte Autor hat seine Jugend selbst in La Mée verbracht, einem der berüchtigt tristen Pariser Vororte. Und noch mehr Welten haben ihn geprägt: die Kindheit im Kongo, wo er geboren wurde wie der Protagonist seiner Geschichte. Das Politikstudium an der Sorbonne. Dann: "Tausende Jobs", als Bauarbeiter, Kellner, Afropunk-Musiker et cetera in Berlin. Dorthin zog es ihn 1989 nach dem Mauerfall, weil er "Geschichte live" erleben wollte. Zu so einem, der das Gefühl, anders zu sein, kennt wie sie, finden die meist türkischen Kids, die N’Sondé heute betreut, schnell einen Draht. Viele der Zöglinge hätten es bis zum Fachabitur gebracht, erzählt er beim Cappuccino im Café Soffi. Umso bitterer, dass die öffentliche Förderung für die Betreuung jetzt laufend schrumpfe.