Der Junge, das Mädchen und Maurice hielten sich in einer großen Küche auf. Allerdings fehlte etwas: Lebensmittel. Das Mädchen ging zu einem Metallkasten in der Ecke und tastete nach dem Bindfaden um seinen Hals. Wie sich herausstellte, hing ein großer Schlüssel daran. "Heute kann man niemandem trauen", sagte sie. "Und die Ratten stehlen hundertmal so viel, wie sie fressen." – "Das glaube ich nicht", sagte der Junge. "Höchstens zehnmal so viel." – "Weißt du ganz plötzlich alles über Ratten?", fragte das Mädchen und schloss den Kasten auf. "Nicht ganz plötzlich. Ich hab’s gelernt, als… Au! Das hat wirklich wehgetan!" – "Tut mir leid", sagte Maurice. "Ich habe dich rein zufällig gekratzt." Er versuchte, ein Gesicht zu schneiden, das so viel bedeutete wie: Sei kein Vollidiot. Als Katze fiel ihm das sehr schwer.

Das Mädchen warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. "Hier ist Milch, außerdem zwei Fischköpfe", sagte sie. "Klingt gut", erwiderte Maurice. "Was ist mit deinem Menschen?" – "Mit ihm? Er isst praktisch alles." "Wir haben Brot und Würstchen", sagte das Mädchen. "Außerdem liegt da noch ein Stück Käse, aber es ist ziemlich alt." – "Ich glaube nicht, dass wir deine Nahrungsmittel essen sollten, wenn sie so knapp sind", sagte der Junge. "Oh, mein Vater sagt, es wirft ein schlechtes Licht auf die Stadt, wenn wir nicht gastfreundlich sind. Er ist der Bürgermeister." – "Er ist die Regierung?", fragte der Junge. Das Mädchen starrte ihn an. "Ich denke schon", sagte sie. "Eigentlich macht der Stadtrat die Gesetze. Mein Vater verwaltet nur alles und streitet mit jedem. Er sagt, wir sollten nicht mehr bekommen als die anderen Leute, um in diesen schwierigen Zeiten Solidarität zu zeigen. Es war schon schlimm genug, dass keine Touristen mehr kamen – die Ratten haben alles noch schlimmer gemacht."

Das Mädchen nahm zwei Untertassen aus der Anrichte. "Mein Vater sagt, wenn wir alle vernünftig sind, gibt es genug", fuhr sie fort. "Ich bin ganz seiner Meinung. Aber ich denke, wenn man Solidarität gezeigt hat, sollte was extra gestattet sein. Wie dem auch sei… Du bist also wirklich eine magische Katze?", fragte das Mädchen und schüttete Milch in eine Untertasse. Sie floss nicht, sondern quoll, aber Maurice war eine Straßenkatze und trank selbst Milch, die wegzukriechen versuchte. "Oh, ja, genau, magisch", sagte er. Für zwei Fischköpfe war er bereit, alles für jeden zu sein. "Gehörtest wahrscheinlich einer Hexe, mit einem Namen wie Griselda", sagte das Mädchen und legte die Fischköpfe auf die andere Untertasse. "Ja, stimmt, Griselda", erwiderte Maurice, ohne den Kopf zu heben. "Wohnte wahrscheinlich in einem Pfefferkuchenhaus im Wald." "Ja, stimmt."

Und er wäre nicht Maurice gewesen, wenn er nicht etwas erfunden hätte: "Allerdings war es ein Knäckebrothaus, denn sie machte eine Schlankheitskur, die alte Griselda." Das Mädchen wirkte einige Sekunden verwirrt. "So sollte es nicht sein", sagte sie. "Entschuldigung, habe mich geirrt, war tatsächlich ein Pfefferkuchenhaus", fügte Maurice hastig hinzu. Wer einem zu essen gab, hatte recht. "Und bestimmt hatte sie große Warzen." – "Verehrtes Fräulein…" Maurice versuchte, ganz ehrlich zu wirken. "Einige der Warzen waren mit so viel Persönlichkeit ausgestattet, dass sie eigene Freunde hatten. Äh…wie heißt du?"

"Versprichst du, nicht zu lachen?" – "Versprochen." Vielleicht gab es weitere Fischköpfe. "Ich heiße…Malizia. Lachst du?", fragte Malizia in drohendem Tonfall. "Nein", erwiderte Maurice verwundert. "Findest du den Namen nicht komisch?" Maurice dachte über die ihm bekannten Namen nach: Gekochter Schinken, Gefährliche Bohnen, Sardinen… "Klingt nach einem ganz gewöhnlichen Namen", sagte er. Malizia bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Jungen zu.

"Hast du auch einen Namen?", fragte sie. "Du bist nicht zufällig der Sohn eines Königs?" "Ich glaube, ich heiße Keith", sagte der Junge. "Keith ist kein vielversprechender Anfang für einen Namen", sagte Malizia. "Er deutet auf nichts Geheimnisvolles hin. Ist das wirklich dein richtiger Name?" – "Es ist der Name, den man mir gegeben hat." – "Ja, das klingt schon besser. Ein leichter Hinweis auf etwas Geheimnisvolles", sagte Malizia. "Gerade genug, um Spannung zu schaffen. Ich nehme an, man hat dich kurz nach deiner Geburt entführt. Wahrscheinlich bist du der rechtmäßige König irgendeines Landes, aber sie fanden jemanden, der dir ähnelt, und daraufhin hat man dich vertauscht. In dem Fall hast du wahrscheinlich ein magisches Schwert bei dir, das aber nicht magisch aussieht und sich erst als solches erweist, wenn für dich die Zeit gekommen ist. Wahrscheinlich hat man dich vor einer Tür gefunden." – "Das stimmt", bestätigte Keith. "Siehst du? Ich habe immer recht!", sagte Malizia.

Maurice hatte den dumm aussehenden Jungen noch nie von sich selbst sprechen gehört. "Davon hast du mir nie erzählt", sagte Maurice vorwurfsvoll. "Ist es wichtig?", fragte Keith. "Wahrscheinlich lag neben dir im Korb auch ein magisches Schwert oder eine Krone", sagte Malizia. "Ich glaube nicht", sagte Keith. "Nur ich und eine Decke lagen im Korb. Und ein Zettel." – "Ein Zettel? Das ist wichtig! " – "Darauf stand: ›Neunzehn halbe Liter Milch und ein Erdbeerjoghurt‹", sagte Keith. "Warum neunzehn halbe Liter Milch?" – "Es war die Gilde der Musiker", sagte Keith. "Sie ist ziemlich groß. Über den Erdbeerjoghurt weiß ich nicht näher Bescheid." – "Ein ausgesetztes Waisenkind, das ist gut", fand Malizia. "Ein Prinz kann nur zu einem König werden, aber eine Waise kann alles sein. Hat man dich auch geschlagen und in einen Keller gesperrt?" "Ich glaube nicht", sagte Keith und sah Malizia verwundert an. "Alle in der Gilde erwiesen sich als sehr freundlich. Sie lehrten mich viel." – "Wir haben hier ebenfalls Gilden", sagte Malizia. "Sie machen Jungen zu Tischlern und Steinmetzen." – "Die Gilde lehrte mich Musik", erklärte Keith. "Ich bin ein Musiker. Ich verdiene mir meinen Lebensunterhalt selbst, seit ich sechs bin." – "Aha! Geheimnisvolles Waisenkind, sonderbares Talent, in Not aufgewachsen… Allmählich nimmt alles Gestalt an", sagte Malizia. "Der Erdbeerjoghurt ist wahrscheinlich nicht so wichtig. Wäre dein Leben anders verlaufen, wenn er Bananengeschmack gehabt hätte? Welche Art von Musik spielst du denn?" – "Welche Art?", wiederholte Keith. "Es gibt nur Musik. Überall, wenn man richtig hinhört."