Man verkündet eine Sensation nicht mal eben so, vor 100 Journalisten. Also rückt Udo Ludwig seine Brille zurecht, bevor er die entscheidenden Zeilen vorliest. Der Konjunkturchef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) soll an diesem Dienstagmorgen in Berlin das Herbstgutachten der führenden Forschungsinstitute präsentieren. Ludwig spricht von nur noch 0,2 Prozent Wachstum im kommenden Jahr. Doch was er dann sagt, ist die eigentliche Überraschung. Gemeinsam fordern die Institute von der Regierung, rasch die Steuern und Abgaben zu senken und "wachstumsfördernde Investitionen vorzuziehen". Im Klartext: Deutschlands wichtigste Ökonomen wollen ein Konjunkturprogramm.

Es ist eine Zeitenwende. Erstmals seit drei Jahrzehnten machen sich deutsche Ökonomen wieder ganz offen für eine Wirtschaftspolitik stark, wie sie in jedem keynesianischen Lehrbuch stehen könnte: mit staatlichen Mehrausgaben die Konjunktur anzukurbeln – und gleichzeitig verbindlich festzulegen, wie die Rückzahlung erfolgen soll, damit es nicht zu dauerhaft höheren Staatsschulden kommt. Hierzulande waren solche Gedanken seit den späten Siebzigern tabu. Damals, 1977, schwenkte der Sachverständigenrat – das ökonomische Beratergremium der Regierung – von der bis dato propagierten keynesianischen Nachfragepolitik zur angebotsorientierten Reformpolitik um. Es war der Grundstein für die Wirtschaftspolitik der christlich-liberalen Koalition vom Herbst 1982 an. Während der Rest der Welt sich schon bald von der reinen Lehre abwendete, blieben die Deutschen hart. Nun gibt es eine neuerliche Zäsur: den 14. Oktober 2008. Den Tag, an dem Udo Ludwig vor die Presse trat.

Dass die führenden Ökonomen des Landes umdenken, hat mit der Dramatik der Lage zu tun. Beinahe im Tagesrhythmus revidieren alle Konjunkturforscher ihre Prognosen für 2009 nach unten; mit jedem Tag wächst die Befürchtung, dass Deutschland in eine schmerzvolle Rezession abgleiten könnte. Ludwig und seine Kollegen rechnen in ihrem Gutachten auch den für sie schlimmsten Fall durch: Dann würde die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr um 0,8 Prozent schrumpfen. Noch deutlicher wird Thomas Mayer, Chefvolkswirt für Europa bei der Deutschen Bank. Dem Kontinent drohe die längste Krise seit mehr als 50 Jahren, die Prognose für Deutschland: minus 1,5 Prozent. Wenn die Regierung nicht gegensteuert.

Das hat die Koalition im Finanzsektor überraschend schnell getan – und überraschend pragmatisch. Ideologische Vorbehalte gegen einen Teileinstieg des Staates bei privaten Geldhäusern wurden über Bord geworfen, weil es ums große Ganze ging: die Stabilität des Finanzsystems. Genauso pragmatisch müsste die Regierung jetzt, vielen Ökonomen zufolge, die Bürger retten – mit einem gezielten Konjunkturprogramm, so wie es andere Länder vorgemacht haben. Doch das K-Wort geht keinem Koalitionär leicht von der Zunge. Und so verheddert sich die Regierung in zahllosen, unkoordinierten Ideen zum Geldausgeben, die am Ende niemand helfen dürften.

Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass sich der Pragmatismus bei der Rettung der Banken auszahlt. Zwar ist der Kapitalfluss zwischen den Instituten immer noch gestört, doch die Zinssätze, zu denen sie sich gegenseitig Geld verleihen, sinken allmählich. Zuletzt mussten europäische Banken, die sich für drei Monate mit Euro versorgen wollten, fünf Prozent Zinsen zahlen – 0,4 Prozentpunkte weniger als vor zwei Wochen. "Die Politik konnte das Schlimmste verhindern", sagt Lena Komileva, Analystin beim Londoner Broker Tullett Prebon.

Schon werden die nächsten Schritte vorbereitet. Vor allem die Europäer machen Druck. Bei einer Serie von Gipfeltreffen soll eine neue Weltfinanzarchitektur entstehen: mit strengeren Kontrollen für die Banken, verschärften Eigenkapitalvorschriften und Schuldengrenzen. Der Internationale Währungsfonds soll über das Finanzsystem wachen. "Alles ist auf dem Prüfstand", sagt ein hochrangiger internationaler Aufseher. Zwar treten die Amerikaner noch auf die Bremse, doch das könnte sich schnell ändern – zumindest wenn der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama die Wahl Anfang November gewinnt. Seine wirtschaftspolitischen Berater, darunter der frühere Notenbankchef Paul Volcker, haben sich für eine stärkere Regulierung der Märkte ausgesprochen.

Das Problem ist nur: Staatliche Hilfsprogramme für die Banken reichen nach aller Erfahrung nicht aus, um eine schwere Finanzkrise zu überwinden. Dazu ist der Schaden für die Wirtschaft zu groß. Die Rekapitalisierung der Banken verhindert zwar, dass Unternehmen und Verbraucher von der Kreditzufuhr abgeschnitten werden. Den globalen Nachfrageausfall aber gleicht sie nicht aus. Besonders gefährlich: Wenn wegen der schwachen Konjunktur Unternehmen und Verbraucher in die Pleite rutschen, werden neue Löcher in die Bankbilanzen gerissen. Die nächste Krisenwelle droht. Erfolgreich waren Krisenmanager in der Vergangenheit, wenn sie neben den Banken auch die Konjunktur stützten.