Woher kamen die Fliegen in dem Zelt? Tausende, Abertausende kleiner Fliegen, und das auf einer Kunstmesse, der Frieze in London. Konnte man die Invasion symbolisch verstehen? War das ein schlechtes Omen für die aus aller Welt angereisten Galeristen?

Bis kurz zuvor hatten Journalisten und Händler noch Durchhalteparolen ausgegeben. Die Krise des Finanzmarkts betreffe den Kunstmarkt nicht, so behaupteten sie, die Preise für zeitgenössische Kunst würden munter weitersteigen oder sich zumindest auf dem derzeitigen hohen Niveau halten. Obwohl zahlreiche Kunsthändler schon in den Sommermonaten von Gewinneinbrüchen berichtet hatten, von amerikanischen Sammlern, die plötzlich nicht mehr kaufen, sondern verkaufen wollten. Auf der Frieze wurde es jetzt offensichtlich: Die Konsumorgie auf dem Kunstmarkt ist vorbei. Der gesteigerte Aneignungswille ist perdu.

Natürlich bekam man auch dieses Jahr wieder großartige Kunst in London zu sehen, von Thomas Bayrle etwa, Josephine Pryde, Zoe Leonard, Meuser oder Erwin Wurm. Und natürlich kamen auch engagierte Sammler, die immer noch Geld ausgaben. Aber sie ließen sich dabei viel Zeit, kauften lieber ein Werk statt fünf. "Sehr ruhig" sei es hier, sagte der New Yorker Galerist Gavin Brown.

Noch viel ruhiger war es dann am Wochenende in den großen Auktionshäuser, die parallel zur Messe Gegenwartskunst versteigerten. Fassungslos fragte der Auktionator von Sotheby’s am vergangenen Freitagabend immer wieder ins Publikum, ob wirklich keiner mehr als 3,9 Millionen Pfund für Gerhard Richters Jerusalem bieten wolle. Das Gemälde, das von den Sotheby’s-Experten auf bis zu sieben Millionen Pfund geschätzt worden war, blieb unverkauft – so wie insgesamt ein Viertel der Kunstwerke an diesem Abend. Bei Sotheby’s setzte man knapp 23 Millionen Pfund um, ein Rückgang von beinahe 40 Prozent. Für Phillips de Pury und Christie’s lief das Geschäft an den folgenden Abenden noch miserabler. Beide Auktionshäuser konnten auf ihren Abendauktionen gerade einmal die Hälfte der angebotenen Kunstwerke verkaufen, und auch die meist nur zu Preisen unter dem Schätzwert.

Die Kaufkrise auf dem Kunstmarkt hat auch positive Seiten: Die Galeristen boten auf der Frieze wohlweislich weniger von jener Pornokunst an, mit der sie noch vor zwei Jahren die jungen Banker mit ihren Riesenboni anlocken konnten. Dafür wurden Museumskuratoren – selbst solche mit winzigen Ankaufsetats – gut behandelt. Endlich sei der Hype zu Ende, endlich könne man sich wieder der guten Kunst widmen, frohlockten gleich mehrere Galeristen. Das klang nicht immer überzeugend. In den kommenden Jahren dürften einige dieser Galeristen große Verluste machen. Noch härter wird es aber diejenigen Künstler treffen, die auch in den Zeiten des Booms nur kleine Brocken vom großen Geldkuchen abbekommen haben. Wenn sich die Superreichen wieder mehrheitlich für Motorjachten statt für bildende Kunst interessieren, dann werden sie von den Bröseln leben müssen. Für Künstler gibt es keine Rettungsfonds.

Foto: Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2008