Ist Konstantin Grcic, der wichtigste deutsche Industriedesigner dieses noch jungen Jahrhunderts, ein Nachmacher? Hat nicht er, sondern der Künstler Martin Kippenberger den Chair One entworfen? Jenen Stuhl, den man seit einigen Jahren vermehrt in Architekturbüros, Boutiquen und den Sammlungen der großen Designmuseen herumstehen sieht?

Beim Durchblättern des Kataloges des Berliner Auktionshauses Dr. Irene Lehr war man auf den sensationellen Fund gestoßen: Auf einer der legendären Kippenbergerschen Hotelzeichnungen ist auf einem Briefbogen des Wiener Hotels Sacher mit Bleistift eine Ansammlung von Design-Ikonen skizziert – das Billy-Regal, die Lampe Tizio von Artemide, der Egg Chair von Arne Jacobsen und der Chair One. Die Zeichnung stammt, glaubt man der Ziffer neben der Signatur "M.K.", aus dem Jahr 1990.

Der Grcic-Stuhl ging allerdings erst 2003 in Produktion. Also sechs Jahre nach Kippenbergers Tod. Wie kann das sein? Anruf bei Konstantin Grcic in München: Hat er sich bei seinem Design vielleicht von der Zeichnung des Künstlers inspirieren lassen? Keinesfalls, sagt der Designer und lacht.

In dem kleinen, renommierten Berliner Auktionshaus, das vor allem auf ostdeutsche Kunst spezialisiert ist, nehmen wir die Zeichnung in Augenschein. Der Rand des Hotelpapiers ist an einigen Stellen leicht gewellt und braun. "Atelierspuren", so heißt es im Katalog. Vielleicht sind es aber auch Spuren aus einer Fälscherwerkstatt. Vielleicht hat da jemand Papier in kalten Tee getunkt, damit es alt aussieht.

Kippenberger schuf Tausende von Zeichnungen auf Hotelbriefpapier. Der Künstler, so erzählt seine Schwester und Biografin Susanne Kippenberger, habe ständig gezeichnet und viel davon verschenkt (an Kellner etwa) oder getauscht (gegen ein Paar Schuhe, zum Beispiel). Heute können diese Hotelzeichnungen gut 20.000 Euro wert sein. Wenn sie echt sind.

Eine weitere Nachfrage, diesmal beim Hotel Sacher, bringt völlige Klarheit: Das Logo auf dem Briefpapier verwende man erst seit dem Jahr 2000. Martin Kippenberger starb – wie gesagt – 1997. Voilà.

Aber kann ein Fälscher so dumm sein, einen Stuhl aus dem 21. Jahrhundert auf ein Werk des 20. Jahrhunderts zu zeichnen? Oder sollte diese Fälschung vielleicht ein Fanal sein? Eine anarchistische Kritik am ausgerasteten, überhitzten Kunstmarkt? "I am number 1", hat der Fälscher auf das Papier geschrieben. Am kommenden Wochenende sollte die Zeichnung versteigert werden. Das Auktionshaus hat sie aufgrund der Recherchen des ZEITmagazins jetzt zurückgezogen.