Stellen Sie sich einfach mal vor: Glück gehabt, die Sache ist gut ausgegangen. Und was haben wir bekommen für die 500 Milliarden Euro? Was bleibt übrig? Ich glaube, wenn alles stabilisiert ist, werden wir ein System vorfinden, welches die Reichen reicher und die Armen ärmer macht; und in dem es sich lohnt, Arbeitnehmer zu entlassen, weil dann die Aktienkurse steigen. Wir werden also am Ende genau dasselbe vorfinden, was wir jetzt schon haben. Und das Ganze hat dann 500 Milliarden Euro gekostet. Ja, ich weiß! Uns wird erzählt, dass ein Teil von dem Geld vermutlich, vielleicht, könnte sein, aber so gut wie sicher wieder zurückkommt.

Oder geht es Ihnen anders? Haben Sie den Eindruck, dass jetzt eine richtige Veränderung stattfindet? Spüren Sie dieses Kribbeln, weil jetzt etwas wirklich Neues, Gerechteres, Freieres, Ehrlicheres entsteht? Ich habe so meine Zweifel. Ich kenne überhaupt niemanden, der so ein Kribbeln verspürt. Wir stellen recht nüchtern 500 Milliarden Euro zur Verfügung. Bei so viel Geld müsste ein bisschen mehr rausspringen. Brauchen wir denn ein System, welches die Reichen reicher und die Armen ärmer macht? Warum stellt keiner die Frage, ob wir vielleicht nicht das System an sich verändern könnten und verändern sollten? Es also auf neue Beine stellen sollten, etwa vom Kopf auf die Füße?

Ich glaube, in Ihrem Leben wird sich nichts verändern. Sie haben einfach nur bezahlt. Tja. Ein bisschen wenig für 500 Milliarden Euro.

Steffen Andreae, Kaufungen

Der Ausgang der Finanzkrise ist ungewiss. Eines jedoch ist sicher: Man wird alles daran setzen, das etablierte Finanzsystem aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren. Mit dem beispiellosen Aktionismus und den schier unvorstellbaren finanziellen Mitteln, die aus den Staatshaushalten gezaubert werden, tut sich aber eine neue fundamentale Krise auf. Das beherzte Handeln der Politik signalisiert ihre moralische Bankrotterklärung. Denn von ihrem Auftrag, national und global soziale Gerechtigkeit herzustellen, hat sich die Politik nun auf vermutlich lange Zeit verabschiedet. Das würdelose Gerangel um die erbärmliche Erhöhung des Kindergeldes, um die Bezüge von Hartz-IV-Empfängern, um die Finanzierung von Bildung, kurz: Sozialstaatlichkeit im weitesten Sinn, verkommt vor dem Hintergrund der zur Rettung der Banken bereitstehenden Summen zur Farce.

Noch erbärmlicher: Der "Welthungerindex" der Welthungerhilfe vermeldet einen Anstieg der Zahl der weltweit hungernden Menschen um etwa zehn Prozent seit 2005. Das betrifft 923 Millionen Menschen. Zeit für ein gigantisches Rettungspaket? Ach, woher denn! Stattdessen bittet Bundespräsident Köhler die Bürger um Almosen für die Notleidenden. Und während bei uns das gemeine Volk in der Sauna, am Zeitungskiosk und wo sonst man sich in diesen Tagen über die Finanzmarktkrise austauscht, ein Gespür für die systemimmanente elementare Ungerechtigkeit in diesem big deal zeigt, bleibt die Politik erstaunlich ignorant, gerade so, als habe das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Frank Heublein, Göttingen