Brasilien: Schwarze Wolken

Weil er jedermann zu umarmen pflegt, trägt Luiz Inácio da Silva den Spitznamen Lula, der Tintenfisch. In den vergangenen Wochen hat Brasiliens Präsident eine andere Gepflogenheit seines tierischen Namensvetters übernommen: Er ließ schwarze Wolken ab, um sich in Sicherheit zu bringen. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", behauptete der frühere Gewerkschaftsführer, "aber sie, die uns drei Jahrzehnte vorschrieben, was wir tun müssten – sie nicht!" Vorbei sei die Zeit, da die aufstrebenden Wirtschaften nach der Pfeife des Internationalen Währungsfonds (IWF) tanzten. Und keinesfalls dürften die ärmeren Länder jetzt für das Kasino aufkommen müssen, das die USA aus der Welt gemacht hätten.

So redeten sie dieser Tage, die linken und halb linken Präsidenten des Subkontinents, die Chavez und Morales. Und so redete auch Lula.

Doch dann kam El lunes negro , der schwarze Montag von São Paulo. Der Börsenindex Ibovespa stürzte unaufhaltsam in die Tiefe. Selbst den staatlichen Ölriesen Petrobras erwischte es. Nach der Panik am größten Finanzplatz Südamerikas taumelten auch die Papiere an den Börsen Argentiniens, Chiles, Mexikos, Perus wie welke Blätter in diesen Oktoberbeginn – es war der erste Herbst der linken Patriarchen.

Dabei hatten sie – Brasilien vorneweg – bis dahin gar nicht schlecht gewirtschaftet. Brasiliens Banken und auch die meisten Häuser der anderen Staaten verschuldeten sich kaum mit riskanten Anlagen und investierten nur wenig in die "innovativen" Produkte der Wall Street. Auch zahlte sich aus, dass Lula & Co ihre Schulden beim IWF tilgten und neue Hilfe von dort nicht in Anspruch nahmen.

Der Tintenfisch und sein südamerikanischer Schwarm haben sich damit allerdings nicht völlig freischwimmen können aus den Strudeln am US-Finanzmarkt. Brasilien muss jetzt die Agrarindustrie, den Stolz Lulas und des Landes, mit Milliarden stützen. Der Real, die Landeswährung, ist binnen eines Monats um ein Drittel abgestürzt. Einmal mehr sind es die Monokulturen des Kontinents, die immer wieder Abhängigkeit schaffen. Christian Schmidt-Häuer