"Also, du bist jetzt meine Mainquelle, okay?", sagte ich zu dem hübschen Rinnsal, das weit oben im Bergwald meinen Pfad kreuzte. Es reichte mir jetzt. Ich war im Fichtelgebirge, ich wollte die Fahrt entlang dem Main an seinem Ursprung beginnen. Aber nun suchte ich schon fast zwei Stunden lang am Nordhang des Ochsenkopfes und konnte und konnte die Quelle nicht finden. Es gab Schilder "Zur Weißmainquelle" mehr als genug, aber die Wege verloren sich im Waldboden, zerwühlt von Holzfällmaschinen. Hätte ich doch an der Rotmainquelle anfangen sollen? Den zweiten Mainursprung in der Fränkischen Schweiz, Luftlinie vielleicht 40 Kilometer von hier, soll allerdings nur ein Wasserrohr im Wald markieren. Die Weißmainquelle dagegen sieht man auf Fotos schön in Granit gefasst; außerdem entspringt sie 300 Meter höher als der Rotmain, auf fast 900 Metern, was mir per se gefiel. Und drittens war schon Goethe dagewesen, potztausend! Hat die Weißmainquelle 1785 aufgesucht und gefunden – aber nun ja. Wer wollte sich mit Goethen vergleichen.

Mein Rinnsal gluckerte zustimmend. Es kam zwischen Fichten, durch nickende Gräser und feuchte Farne heruntergeplätschert. Stille sonst, neblige Kälte. Grauweiße Wolkenschwaden hingen in den Wipfeln. Am Hang lagen urzeitliche Granitfelsen herum, manche wunderlich gestapelt wie die Kissen einer ordnungsliebenden Riesin. Seit ich den Talgrund von Bischofsgrün verlassen hatte, war mir kein Mensch begegnet, doch der Ort war nicht unbelebt. Zwischen bemoosten Trittsteinen bückte ich mich, trank einen Schluck aus der hohlen Hand, benetzte Stirn, Augen, Mund und Brust und bat den kleinen Main um eine gute Reise. Dann lief ich bergab zum Fahrrad, bremste den Forstweg hinunter und war bald, endlich, auf neuem, schwarzem, schnellem Asphalt: dem Mainradweg. 600 Kilometer lang. Bester deutscher Fernradweg, nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, der ihn in diesem Jahr mit fünf Sternen ausgezeichnet hat. Ging alles nach Plan, würde ich schon in einer Woche in Frankfurt, am Main, sein und damit fast schon in Mainz, wo mein Rinnsal als großer Fluss in den Rhein mündet. Ich würde vom Sagenwald in die Wirtschaftsmoderne radeln.

Die erste Stunde war pure Freude. Konstantes Gefälle, hohes Tempo, bissiger Fahrtwind. Ich brauchte Handschuhe, Mütze, Überhose. Das Tal war eng. Der Radweg verlief im Uferwald rechts vom Bach, der über rötliche Steine sprang und bald schon so stattlich rauschte, dass nichts zu hören war von den Lastwagen am anderen Ufer: Die B303 verbindet dort Ostbayern mit Tschechien und dient endlosem Schwerverkehr. Ich stellte mir vor, direkt neben den Trucks radeln zu müssen, da blockierte unerwartet ein Pritschenwagen den Radweg. Zwei Männer in Orange reparierten das Holzgeländer, das ihn zum Bachbett hin absicherte. Querlatten waren zersplittert, Bierflaschen lagen im Gras. Jugendliche, sagte der ältere Mann trocken. Treten die Latten ein, biegen die Schilder um. Er sei beim Landkreis angestellt, nur für die Instandhaltung der Radwege, wie er betonte. Woher, wohin, fragte er, musterte meine Packtaschen und schien zufrieden. Als sähe er seine Dienstleistung durch diesen Tourenradler gewürdigt.

Beim ersten Ort war es dann vorbei mit Bergwald und Wildbach. Bad Berneck schmückt sich zwar mit dem Zusatz "i. Fichtelgebirge", aber eigentlich hat der Weiße Main hier seine urige Geburtslandschaft schon hinter sich gelassen. Etwa 30 Kilometer nach der Quelle ist er ein zahmes Flüsschen in flachen Wiesen.

Am Abend saß ich in Kulmbach im Kommunbräu, trank naturtrübes Bier und rekapitulierte die Lektionen des Tages. Erstens, nimm "Mainradweg" nicht zu wörtlich. Du fährst nicht nur schnucklig am Fluss entlang, sondern auch auf unangenehmem Schotter über eintönige Felder und Wiesen im Hinterland sowie vor jedem größeren Ort durch ein radikal unromantisches Gewerbegebiet. Dein Radweg wird, zweitens, öfter mal zickig, wechselt abrupt und verwirrend die Richtung. Auch wenn du ungern den Schwung rausnimmst: Bleib also an Kreuzungen und Gabelungen zum Orientieren lieber mal stehen. Die Beschilderung ist gut. Ärgere dich, drittens, nicht über Umwege. Mag auch die Autostraße in deiner Richtung geradewegs von A nach B führen – der Mainradweg will dir unbedingt noch das abseitige Dorf C zeigen. Ein Dorf wie viele, findest du, aber merke: Der Weg ist das Ziel."

Es war wohl das Bier im Kommunbräu, das mich buddhistisch stimmte. Roggenbier. Derb, erdig, nachhaltig im Abgang. Kulmbach ist eine Bierstadt, Oberfranken nennt sich auch Bierfranken. Ich übernachtete im Bett&Bike-Hotel An der Eiche, nah am Radweg, wo mein Fahrrad freundlichst untergebracht und ein speziell vitaminreiches Frühstück angekündigt war.

Die Orte hießen Mainleus, Mainklein, Maineck – so vergaß ich nie, wo ich war