Schneefall auf dem roten Planeten! Stolz verkündete die Nasa Ende September die jüngste Beobachtung ihrer Marssonde Phoenix. Die Nachricht sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Erst im Juni hatte der rund 500 Millionen Dollar teure Roboter Eisspuren im Boden des roten Planeten gefunden. Nun hatte er auch Eis am Himmel entdeckt.

Die Marsforscher waren von den Meldungen indessen wenig überrascht. Für beides gab es schon lange eindeutige Belege aus Satellitenbeobachtungen. Und zum Boden gelangten die von Phoenix mit einem Laserstrahl in Wolkenhöhe aufgespürten Schneeflocken ohnehin nicht, zwei Kilometer über dem Boden lösten sie sich in der extrem trockenen Luft auf.

Weitere sensationelle Kunde von der Phoenix-Mission ist kaum zu erwarten. Für die Sonde naht der Kältetod – sie wird den Dezember nicht überleben. Im Marswinter drohen minus 120 Grad Celsius. Bei spärlichem Sonnenlicht liefern die Solarzellen immer weniger Strom zur Beheizung des Roboters. Dann werden vitale Teile von Phoenix zerspringen wie klirrendes Glas.

Mit dem Exitus des Spähers kommt für die Planetenforscher nun die Zeit der Bilanz: Welche Erkenntnisse hat die Marserkundung gebracht, wie kann es weitergehen? Droht ihr Konkurrenz durch die boomende Mondforschung, um die auch in Deutschland gerade gerangelt wird?

Fest steht: Das Feld braucht eine Neuorientierung. Bislang folgten die Bemühungen der Planetenkundler vorwiegend dem Motto des Mannes, der in dunkler Nacht seinen Schlüsselbund verloren hat und nun unter der einzigen Sraßenlaterne danach sucht. Zwar spricht wenig dafür, hier fündig zu werden. Aber: Lieber im Lichtkegel gucken, als im Dunkeln suchen – oder gar nicht.

So wurde der Mars auch durch Machbarkeitserwägungen zum Ziel von Spähmissionen. Phoenix ist nur der jüngste Spross einer ganzen Flotte von Satelliten, die in den vergangenen zwölf Jahren den Mars ansteuerten. Der Erkenntnisgewinn blieb spärlich. Phoenix hat zwar als erstes Landegerät weit nördlich des Polarkreises aufgesetzt. Seine Beine stehen aber nicht auf dem ewigen Eis des Nordpols, sondern in einem der typisch rostroten Geröllfelder, deren Bilder jede Marskamera zur Erde gefunkt hat. Dass darunter Eis liegt, haben spektroskopische Aufnahmen aus der Marsumlaufbahn schon vor Jahren gezeigt. Einige weiße Bröckchen hatte der Phoenix-Greifarm im Juli freigelegt und beim Erhitzen einer Bodenprobe in seinem Minilabor Wasserdampf nachgewiesen. "Wir hatten das erwartet", sagt Peter Smith, der Forschungschef des Phoenix-Projekts. "Aber es ist eben ein Unterschied, es nur zu wissen oder das Wasser tatsächlich zu berühren", ergänzt Doug McCuistion, Direktor der Nasa-Marsprogramme.

Über drei Milliarden Dollar haben die Nasa und ihre europäische Schwester Esa seit Mitte der neunziger Jahre in die Marserkundung investiert. Vieles, was durch Beobachtungen von der Erde und der ersten Marssatelliten vermutet wurde, hat sich bestätigt. Auch wenn Bilder vom Mars oft in warmem Licht erscheinen, Heimatgefühle sind fehl am Platz. Unser roter Nachbar ist eine Wüste mit Durchschnittstemperaturen unter minus 60 Grad, heftigen Staubstürmen und extrem dünner Luft, die kaum Sauerstoff, aber toxische 95 Prozent CO₂ enthält.

Die weißen Polkappen, von Astronomen schon im 17. Jahrhundert beschrieben, bestehen neben gefrorenem CO₂ aus einem kilometerdicken Panzer aus Staub und Wassereis. Geschmolzen würde es ausreichen, die Marsoberfläche rund sieben Meter hoch zu fluten. Doch das ist reine Theorie, flüssiges Wasser konnte keine Marsmission entdecken. Die Sonnenstrahlung reicht auch im Marssommer nicht aus, um das Bodeneis aufzutauen. Aktive Vulkane hat es wohl bis in die jüngere Vergangenheit gegeben, entdeckt wurde bisher keiner.

"Folge dem Wasser" lautete das Motto der Nasa-Marsmissionen. Denn wo Wasser ist, könnte es Leben geben, zumindest Mikroben oder deren Bausteine. Und wo einst Wasser floss, könnten sich noch Reste ehemaligen Lebens finden. Aufgespürt wurde bisher weder das eine noch das andere. Für die Forscher hat das den Vorteil, dass ihr wichtigstes Argument zur Mobilisierung weiterer Mittel erhalten bleibt. Denn nichts fasziniert die Menschen so sehr wie die Vorstellung von außerirdischem Leben.

Seit der Astronom Giovanni Schiaparelli 1877 die Entdeckung von canali (Rinnen) auf dem Mars meldete, geistert die Vorstellung von künstlichen Kanälen und Marsmenschen durch Literatur und Filme. Seinen letzten Höhepunkt erreichte das Marsfieber 1976, als man auf Fotos der Vikingsonde ein Gesicht zu erkennen meinte, das sich 20 Jahre später als Felsformation entpuppte.

Wenn es stimmt, dass Leben nur im Zusammenhang mit flüssigem Wasser entstehen kann, dann gibt es vielversprechendere Ziele als den staubtrockenen Mars. Auf dem Saturnmond Enceladus oder dem Jupitermond Europa schwappen unter einer Eiskruste sehr wahrscheinlich Ozeane, erwärmt durch Gezeitenkräfte, die von den gigantischen Gasplaneten ausgehen. Zuweilen zischt Wasser in Geysiren hoch. Anbieten würde sich auch der Saturnmond Titan mit seiner dichten Atmosphäre und exotischen Seen aus flüssigem Ethan. Nur ist die Suche dort ungleich komplizierter, teurer und langwieriger. Das Cassini-Huygens-Projekt, der europäisch-amerikanische Ausflug zum Saturn mit der spektakulären Landung auf dem Titan, kostete so viel wie alle Marsmissionen der letzten zwei Jahrzehnte zusammen. Die Anreise dauerte sieben Jahre, die Energiereserven der Sonde waren 70 Minuten nach der Landung erschöpft.

Die Topografie des Mars ist besser kartiert als der irdische Meeresboden

"Wenn wir lange genug suchen, werden wir mit etwas Glück auch auf dem Mars flüssiges Wasser finden", meint Gerhard Neukum. Der Berliner Planetologe hat die hochauflösende Stereokamera entwickelt, mit der die Esa-Sonde MarsExpress seit fünf Jahren den roten Planeten umrundet. Ihre Bilder lassen das Herz jedes Geologen höher schlagen. Messerscharf sind darauf die Konturen von Kratern, Rissen, Überresten ehemaliger Gletscher und ausgetrockneter Stromtäler zu sehen. Inzwischen ist die Topografie des Mars deutlich besser kartiert als die Rückseite des Mondes oder die Böden unserer irdischen Ozeane.

Dass es auf dem Mars einst viel fließendes Wasser und eine dichte Atmosphäre gab, ist eindeutig belegt. Wann und wie beide verschwanden, ist umstritten. Neukum geht davon aus, dass die Gravitation des Mars zu schwach war, um die ursprüngliche Atmosphäre festzuhalten. Schon vor rund 3,5 Milliarden Jahren habe sich der Mars in eine staubtrockene Eiskugel verwandelt. Andere Forscher sehen den Umbruch 1,5 Milliarden Jahre später, aber auch dann wäre ein Überleben selbst einfachster Organismen kaum vorstellbar. Nur für kurze Zeiträume und in kleineren Mengen ist danach noch Wasser über den Mars geflossen, ausgelöst durch vulkanische Aktivität. Ob es trotzdem Leben auf dem Mars geben könnte?

"Man soll nie nie sagen", meint Neukum. Er weiß, wie wichtig das Thema für die Mittelvergabe ist. Und die schwächelt derzeit. Nach dem Boom der Marsforschung im vergangenen Jahrzehnt sind nur noch zwei Missionen in Vorbereitung. Die Nasa plant einen weiteren Versuch, per Marsrover den Ort zu finden, "an dem Leben möglich war". Opportunity und Spirit, die tapsigen kleinen Marsautos, haben seit 2003 zwar viel Publicity erzeugt, aber kaum für wissenschaftliche Erkenntnisse gesorgt. Ihr großer Nachfolger soll durch einen Nuklearantrieb einen deutlich größeren Aktionsradius besitzen. Doch der für 2009 geplante Start muss wegen eines kräftigen Etatexzesses womöglich verschoben werden. Die Esa plant eine Kombination aus Satellit und Landefahrzeug; auch der für 2011 geplante Start der 1,2 Milliarden Euro teuren "ExoMars"-Mission wurde soeben wegen Finanzengpässen verschoben; das nächste Startfenster für ExoMars gibt es erst im Frühjahr 2016.

Viele Planetologen sähen am liebsten eine Mission, die Material vom Mars auf die Erde holt. "Das wäre ein Traum für die Geologen", sagt Neukums Berliner Kollege Ernst Hauber. Allerdings ist der Traum unbezahlbar. Eine Rakete, machtvoll genug, um ein Landegerät zum Mars und zur Erde zurückzubringen, wird noch auf sich warten lassen.

Die politischen Prioritäten haben sich ohnedies vom Mars zurück zum Mond verschoben. Der taugt zwar für die Suche nach extraterrestrischem Leben und anderen planetologischen Sensationen noch weit weniger als der Mars, hat aber den Vorteil, einfacher, schneller und viel billiger erreichbar zu sein. Entsprechend groß wird das Gedränge. Nasa und Esa, aber auch China und Japan haben bereits Satelliten auf eine Mondumlaufbahn geschickt. Indien will im Oktober nachziehen. Unbemannte, und von 2020 an bemannte Landungen sind geplant.

Auch die deutschen Planetologen drängen auf eine eigene Mondmission namens Lunarer Explorations-Orbiter (Leo). Dieser Spion soll aus geringer Höhe mit hochpräzisen Kameras dreidimensionale Mondfilme drehen – und künftig könnte jedermann im Internet lunare Spaziergänge unternehmen. Doch die Bundesregierung hat bereits eingeplante 350 Millionen Euro gestrichen – was deutsche Planetologen und Raumfahrtlobbyisten klagen lässt, künftig "in die interplanetare Kreisliga abgedrängt zu werden". Erst kürzlich haben 67 Raumforscher eine Protestresolution verfasst und ihr Forschungsziel Mond in den Himmel gelobt. Dieser sei "ein Schlüssel zum Verständnis unseres Planeten als Teil des Sonnensystems, unserer Vergangenheit und unserer Zukunft".

Mit dem letzten Strom berichtet die Sonde live von ihrem Kältetod

"Die Wissenschaftler folgen dem Geld", stellt Planetologe Neukum nüchtern fest, einer der Unterzeichner. Der Mond sei zwar ein "primitiver Körper", ergänzt Harald Hiesinger, Leiter des einzigen deutschen Instituts für Planetologie in Münster, aber keineswegs uninteressant. Und ein unverzichtbarer Zwischenschritt zur Feinjustierung von Fernerkundungsinstrumenten für exotischere Ziele. "Grundwissen kann man nicht an fernen Objekten bekommen", sagt Neukum. Kein Himmelskörper im Sonnensystem sei uninteressant, meint sein Kollege Hauber. "Wir haben ja nur acht Planeten mit ein paar Dutzend Monden, und jeder ist anders." Um ihre Eigenarten zu verstehen, müsse man möglichst viele erforschen.

An Explorationszielen herrscht also kein Mangel, doch spätestens die Wirtschaftskrise wird die Raumforscher zwingen, ihre Suche zu bündeln. Nicht jeder EU-Staat benötigt seine eigene Raumfahrtbehörde, ebenso wenig wie Kalifornien, Florida oder Texas. Wenn eine Globalisierung sinnvoll ist, dann bei der Exploration des Alls. Aber die Beharrungskräfte sind stark. Das musste zuletzt Alan Stern erleben. Als wissenschaftlicher Direktor der Nasa hatte er für eine Umschichtung der Mittel vom Mars zu den äußeren und kaum erforschten Planeten geworben. Durchsetzen konnte er sich gegen die Lobbys nicht. Im März trat er zurück.

So werden auch in den nächsten Jahren noch Satelliten um den Mars fliegen und Rover über seine Oberfläche kurven. "Das Übliche an immer mehr Stellen", nennt Neukum das etwas abfällig. Obendrein sind auch Marsmissionen heikel. Zwei von drei Satelliten, die seit 1960 zum Roten Planeten geschickt wurden, erreichten ihr Ziel nicht. In den letzten Jahren hat sich die Erfolgsquote zwar deutlich verbessert, doch Probleme gibt es immer noch.

Auch bei Phoenix lief nicht alles nach Plan. Bisher konnte der Greifarm erst die Hälfte der acht Laborkammern mit Bodenproben befüllen. Bei weiteren Versuchen blieb das Material im Einfüllstutzen stecken. Und für eine chemische Analyse wird das schwächer werdende Sonnenlicht bald nicht mehr genügend Energie liefern. Zum Finale will die Nasa zumindest noch einen PR-Erfolg landen. Bevor Phoenix im polaren Winter erstarrt, wird der letzte Strom genutzt, um die Geräusche des Außenmikrofons zur Erde zu funken. Dann können Marsfans seinen Kältetod live miterleben, untermalt vom Heulen eines eisigen Staubsturms.