War doch nicht so gemeint

Im Pentagon ist das Memo bekannt als "Die Horrorparade": Amerika hat die Welt gegen sich aufgebracht und musste im Irak praktisch allein bestehen. Saddam ist zwar Geschichte, aber es herrscht Bürgerkrieg, der von Syrien und Iran manipuliert wird. Washington ist abgelenkt und vernachlässigt Drängendes wie den Nahost-Friedensprozess. Demokratisierung und Wiederaufbau schleppen sich endlos dahin…

Die Litanei ist vertraut, interessant sind der Autor und der Zeitpunkt: Donald Rumsfeld, George Bushs Verteidigungsminister, hat das Memo bereits im Oktober 2002 für den Präsidenten verfasst – wiewohl im Konjunktiv. Es wird noch besser: Wir "könnten womöglich keine Massenvernichtungswaffen im Irak finden, uns also unglaubwürdig machen". Und: "Die internationale Reaktion gegen (diesen) vorbeugenden Krieg wird es uns erschweren, Verbündete beim nächsten Mal zu finden."

Die Liste findet der Leser in dem Buch War and Decision, das Douglas Feith, Staatssekretär im Pentagon bis 2005, gerade veröffentlicht hat. Feith gehört mit Richard Perle (seinerzeit Direktor des Defense Policy Board) und Paul Wolfowitz (damals Vize-Verteidigungsminister) zur eigentlichen "Achse des Bösen", jedenfalls in den Augen jener Kritiker, die in dem Trio die Vorhut einer israelhörigen "Koscher Nostra" sehen.

Douglas "Doug" Feith aber sieht aus wie der Schwiegersohn der Nation; er sitzt heute im Hudson-Institut, einem konservativen Thinktank, und lehrt an der Georgetown-Universität. War der Krieg nicht ein schrecklicher Fehler, just wie in der "Horrorparade" vorausgeahnt?, will der Besucher wissen. War nicht Iran der weitaus gefährlichere Feind, der tatsächlich den Terror manipulierte und Atomwaffen baute, heute hartnäckiger denn je? "Ja, ja", antwortet Feith, "genau das haben uns die Israelis auch vorgehalten, die in Iran den Feind Nummer eins beider Länder sahen." Warum dann Krieg gegen Saddam? Die Bombe, die er nie hatte, hat inzwischen Nordkorea gezündet, der Dritte im Bunde des Bösen.

"Wir haben einen schrecklichen Preis bezahlt, aber nicht wegen des Krieges als solchen, sondern weil er so schlecht gelaufen ist. Und heute glaubt weder Nordkorea noch Iran, dass unsere Diplomatie von glaubwürdigen Drohungen flankiert wird." Warum also der falsche Krieg gegen den falschen Feind, zumal Feith heute meint, dieser Waffengang sei "nicht unvermeidbar" gewesen?

Paul Wolfowitz, damals die Nummer zwei im Pentagon, beginnt beim Lunch im Bombay Club mit einem überraschenden Bekenntnis: "Im Gegensatz zu dem, was Sie überall lesen, war ich nicht der mastermind, der Drahtzieher." Ähnlich spricht auch Richard Perle, den Nachrüstungsgegnern der Achtziger als "Fürst der Finsternis" bekannt, der heute wie Wolfowitz im konservativen American Enterprise Institute arbeitet: "Wir drei hatten am wenigsten zu sagen; die Entscheidungen hat Rummy (Rumsfeld) getroffen. Wir hatten keinen wirklichen Einfluss, obwohl ich mir den sehr gewünscht hätte. Ratschläge wurden gern ignoriert. Doug (Feith) hatte keine operativen Befugnisse. Ich selber habe Rumsfeld nur drei, vier Mal außerhalb des Defense Policy Board gesehen", ein Nachdenk-Forum, wo Rumsfeld zweimal im Jahr erschien.

Zweite Überraschung: Es ging nicht zuvörderst um Regimewechsel und Demokratie. Regime change sei "die Folge, aber nicht der Zweck des Krieges" gewesen – wiewohl er, Wolfowitz, sehr wohl an die heilsamen Folgen der Demokratie glaube. "Denken Sie an das demokratische Polen mit seiner ganz anderen, dem Westen zugeneigten Politik."

War doch nicht so gemeint

Was also war dann der Sinn der Kampagne? "Saddam war schon der richtige Feind", antwortet Wolfowitz, "wir befanden uns praktisch seit der Invasion Kuwaits (1990) im Kriegszustand mit ihm. Er blieb auch nach der Vertreibung eine gefährliche strategische Bedrohung für die Golfregion. Das gerät heute in Vergessenheit. Er wollte Rache für die Erniedrigung in Kuwait. Er hat Terroristen beherbergt, den Terrorismus gepriesen. Er hat nach dem 11. September mit dem Einsatz von Biowaffen gedroht – just in der Phase, als bei uns diese Anthraxbriefe verschickt wurden und eine neue Panik auslösten." Washington habe sich in einem "Belagerungszustand" befunden, berichtet David Frum, der im Weißen Haus die Reden für Bush schrieb und die "Achse des Bösen" erfand.

Überhaupt müsse man das Drama vom 11. September her verstehen, meinen die Ex-Bushisten, Washington sei besessen von der Angst gewesen, die Zerstörung der Twin Towers sei nur Vorspiel für die Dauerattacke der Terror-Internationale. Wolfowitz’ Stellvertreter Feith schreibt, "wir hatten zwar keinen Grund zu glauben, dass Saddam (an dem Angriff) beteiligt war". Im Gespräch erläutert Feith das Aber: "Das überragende Problem war das nächste ›9/11‹, diesmal mit Massenvernichtungswaffen. Terrorismus nicht als blutige Theatralik, sondern als Massenmord. Folglich geriet die ›Achse des Bösen‹ ins Visier – Irak, Iran, Nordkorea, Länder, die Terroristen zu solchen Waffen verhelfen könnten."

Warum aber der Irak, warum nicht Iran mit seiner alten Terror-Connection und dem Drang nach der Bombe? Die Antworten im Jahr 7 danach bieten eine weitere Überraschung. In seiner zögernden, von langem Schweigen durchsetzten Redeweise erklärt der frühere Verteidigungs-Vize Wolfowitz: "Es fehlten die Mittel und die diplomatischen Voraussetzungen (für einen Krieg gegen Iran). Es fehlten die 16 UN-Resolutionen, die gegen Bagdad verhängt worden waren." Der Präsident fürchtete, erinnert sich Feith, den USA laufe die Zeit davon, weil die Sanktionen gegen Saddam zusammenbrächen und er dann doch die Bombe bauen könnte. Außerdem könnte man gegen Iran nicht einfach losschlagen, solange nicht alle Mittel "diesseits des Krieges" ausgeschöpft worden wären.

Daraus darf man schließen: Der Irak wurde zur Zielscheibe, weil diese so einfach zu treffen war. Die Zeit drängte, die diplomatische Vorarbeit war getan, der Feind drittklassig (die Offensive hat auch nur drei Wochen gedauert). Dagegen konnten sich die Amerikaner noch an den opferreichen Krieg gegen Nordkorea 1950 bis 1953 erinnern. Und Iran, doppelt so bevölkerungsstark und viermal so groß? Kein Wunschgegner.

Hat sich’s denn gelohnt – zumal weder Massenvernichtungswaffen noch Drähte zum Terror entdeckt wurden? Wolfowitz: "Die Antwort kann in zwei Jahren klarer sein als heute. Heute aber gilt schon: Dies ist eine massive Niederlage für al-Qaida, die immer getönt hat, der Irak sei das Hauptschlachtfeld gegen den Westen."

In der Tat scheinen die USA den Krieg zumindest statistisch zu gewinnen. Im Oktober 2006 fielen 106 Soldaten, im Oktober 2007 waren es 38, in diesem Oktober 10. Irakische Zivilisten? In den ersten drei Wochen dieses Monats: 137 Tote. Das ist viel, aber im vorigen Oktober waren es 565, im September 2006, dem schlimmsten Monat, 3389. Al-Qaida ist isoliert (und wohl nach Afghanistan umgezogen); Bagdad übernimmt eine Provinz nach der anderen, zuletzt Anbar, das Zentrum der Sunni-Revolte seit 2004.

"Wenn alles gut gegangen wäre", sinniert Wolfowitz, "würde niemand heute unsere Position in der Welt infrage stellen." What went wrong?, will der Besucher wissen und spielt so auf den Titel des Büchleins von Bernard Lewis an, dessen These viele in der Regierung Bush inspiriert hat: Die politischen Pathologien der arabischen Welt seien auf die zurückgestaute Demokratisierung zurückzuführen.

War doch nicht so gemeint

Warum ist es dann nicht gut gegangen? Wolfowitz: "Wir kannten den Feind nicht. Saddam hatte, wie sich herausstellte, schon zwei Jahre zuvor mit der Planung für einen Aufstand begonnen. Wir hatten keine Ahnung von dem Binnenkrieg, den das Regime anzetteln würde." Perle zählt ein weiteres Fiasko auf: "Wir wollten Befreier sein, sind aber nach fünf, sechs Monaten zur Besatzungsmacht und Zielscheibe geworden."

War es denn ein Demokratisierungsfeldzug im Sinne von Bernard Lewis, dem großen Gelehrten? In Wahrheit nicht. In War and Decision schreibt Feith etwas gequält: Demokratie "erforderte irakische Führung, aber es gab nicht allzu viele Iraker, die mit demokratischer Praxis vertraut waren". Also? Es wäre "naiv zu glauben, dass Demokratie spontan entstehen würde, wenn wir das Land einfach in Ruhe ließen".

Wie es das Unglück wollte, wurde das Land tatsächlich nicht in Ruhe gelassen. Auftritt L. Paul "Jerry" Bremer in der Rolle des Vizekönigs, den Rumsfeld aus der Rente in Vermont geholt hatte. Bremer ist kein Lawrence von Arabien und geht nach Schema F vor, indem er Armee und Partei auf- und so die bekannten Probleme auslöst. Die Amerikaner sind nicht mehr Befreier, sondern Unterwerfer. "Wir hatten die besten Absichten", erinnert sich Richard Perle, aber die USA hätten unter Bremer die Iraker "herablassend, ja verächtlich behandelt". Und "wir waren plötzlich für alles verantwortlich". Bloß ohne Expertise: "Auf einmal saßen da 8000 Amerikaner in der Grünen Zone, in Saddams Palast, und die Hälfte von ihnen war noch nie im Ausland gewesen."

Warum bloß die Plünderei gleich am Anfang? Die unglaubliche Antwort: "Tommy Franks (der Befehlshaber) wähnte, er sei nicht zuständig für die Innere Sicherheit." Perles Fazit: "Ich hätte nie geglaubt, dass wir das so böse verpatzen würden." Die Demokratisierung? "Die war doch nicht unser Hauptanliegen. Wenn Saddam am Vorabend des Krieges alle Informationen (über seine Massenvernichtungswaffen) herausgerückt hätte, wäre der Krieg abgeblasen worden. Wir waren hundertprozentig davon überzeugt, dass Saddam das Zeug versteckt hatte."

So schrumpft der Irakkrieg zu einer Saga der Inkompetenz und Ignoranz zusammen? Außer Blut, Tränen und Spesen nichts gewesen? 600 Milliarden Dollar (bis heute) und 4500 Tote? David Frum, der Erfinder der "Achse des Bösen", der ebenfalls im American Enterprise Institute sitzt, nimmt seine Prinzipale erst in Schutz: "Bush und Cheney haben wirklich an die Massenvernichtungswaffen geglaubt." Dann, als der Besucher einwirft, warum niemand kritische Fragen gestellt habe, redet sich Frum in Rage. "Wissen Sie, was passiert wäre, wenn jemand im Februar 2003 widersprochen hätte: ›Mr. President, wir sind noch nicht handlungsfähig. Bitte überdenken Sie es, es wird schiefgehen‹? Er wäre zum Berserker geworden und hätte gebrüllt: ›Ich habe es euch doch gesagt, im März geht’s los!‹" Und so war es.

Die Ironie sei aber, fügt Frum hinzu: "Der Irak wird ein stabiles prowestliches Land sein, auf den Ölmarkt zurückkehren und eine positive Rolle in Nahost spielen." Dagegen laufe Afghanistan, der Krieg, den alle gutgeheißen hätten, überhaupt nicht gut. Auch wenn Frum recht behalten sollte, war es doch ein sehr kostspieliges Projekt, dessen zwingender Grund auch nach all den Gesprächen in Washington nicht deutlich wird.

Warum bloß? Ein alter Bush-Intimus, der keinesfalls genannt werden möchte, antwortet mit der größten Überraschung von allen: "Das war in Wahrheit ein Akt imperialer Selbstbestätigung. Wir mussten etwas tun, weil wir (am 11. September) erniedrigt und der Lächerlichkeit preisgegeben worden waren. Wir mussten Willen und Stärke zeigen." Würde er es noch einmal machen? "You would have to be crazy to do it again."