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Er ist ein linker Apokalyptiker und vielleicht der letzte Meister des politischen Ideenromans. Seine Bücher beschwören die Hoffnung auf den neuen, besseren Menschen, aber beklagen zugleich die Vergeblichkeit dieser Hoffnung – was dem bekanntesten Kommunisten Portugals regelmäßig Schelte von seinen Genossen und schließlich den Nobelpreis für Literatur eintrug. José Saramago erhielt ihn 1998 nicht lange nach Erscheinen seiner Endzeitparabel Die Stadt der Blinden. Sie handelt von einer unaufhaltsamen Epidemie der Blindheit und von der Unfähigkeit der Opfer, einander beizustehen. Abgeschoben in eine verlassene Irrenanstalt, bilden sie eine Notgemeinschaft, die bald zur Wolfsgesellschaft entartet. Diese negative Utopie hat der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles (City of God, The Constant Gardener) jetzt verfilmt. Vorm Kinostart treffen wir den 85-jährigen Autor in Lissabon in einem bescheidenen Vororthaus, wo die José-Saramago-Stiftung ihren Sitz hat. Er wirkt nach einer schweren Krankheit noch hagerer als früher, aber wach und konzentriert wie immer. Im eleganten Altherrenanzug betritt er das aufgeräumte Büro. Die Begrüßung ist freundlich knapp und die Kulisse schlicht: zwei Ledersessel, ein Tischchen, zwei Plastikbecher mit Wasser. Der Schriftsteller ist nicht zum Plaudern, sondern zum Arbeiten gekommen. Mit rascher Handbewegung schafft er Platz für das Diktiergerät und schaut den Gast durch seine neue Brille auffordernd an.

José Saramago: Kann es losgehen?

DIE ZEIT: Herr Saramago, wir sind überrascht, Sie in Lissabon zu sehen. Eigentlich leben Sie seit Jahren in Spanien, haben Portugal im Groll verlassen.

Saramago: Ja, die Legende besagt, dass ich meiner Heimat den Rücken gekehrt hätte. Aber ich habe in Lissabon immer eine Wohnung behalten, seit einer Weile besitze ich hier ein Haus, ich zahle übrigens auch meine Steuern hier.

ZEIT: Bevor Sie 1992 nach Lanzarote übersiedelten, war Ihr Roman Das Evangelium nach Jesus Christus scharf attackiert worden. Ein Staatssekretär im portugiesischen Kulturministerium ließ ihn wegen angeblicher Verletzung religiöser Gefühle von der Vorschlagsliste für den Europäischen Buchpreis streichen. Im April 2008 nun wurde in Lissabon eine große Ausstellung über Ihr Leben eröffnet, der portugiesische Ministerpräsident und der spanische Kulturminister gratulierten persönlich. War das nicht doch eine Geste der Versöhnung?

Saramago: Ich muss mich nicht versöhnen, weil es kein Zerwürfnis mit Portugal gab, nur ein Problem mit einer bestimmten Regierung. Es war wie mit unangenehmen Nachbarn, derentwegen man in eine andere Wohnung zieht. Ein paar Journalisten machten daraus gleich einen Fall Salman Rushdie. Die Presse braucht eben etwas zum Schreiben.

ZEIT: Stimmt es, dass Sie die Filmrechte an der Stadt der Blinden jahrelang unter Verschluss hielten?

Saramago: Ja, denn einmal wurde ein Buch von mir sehr schlecht verfilmt, Das steinerne Floß. Der Regisseur hielt sich pedantisch an die Vorlage, statt seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Das Problem ist ja, dass meine Figuren meist keine Namen, Gesichter, Biografien haben. Ich beschreibe ihre Psychologie, aber nicht ihre Haarfarbe oder ihre Herkunft. Als Die Stadt der Blinden 1995 erschien, schickte mir ein gewisser Fernando Meirelles einen langen Brief, dass er unbedingt Bilder für diese Welt ohne Bilder erfinden wolle, für das plötzliche Nicht-mehr-sehen-Können, den Sturz ins Nichts. Ich habe den Brief offenbar nie beantwortet, zehn Jahre später beschwerte der Absender sich jedenfalls. Zu dem Zeitpunkt hatten ein kanadischer Drehbuchautor und seine Produktionsfirma mich gerade überredet, ihnen die Rechte am Roman zu überlassen. Als Regisseur wählten sie ausgerechnet Meirelles, dem so verspätete Gerechtigkeit widerfuhr. Das ist eine geradezu literarische Pointe, die mir gut gefällt.

ZEIT: Wie konnten die Kanadier Sie überzeugen?

Saramago: Sie ließen sich nicht abwimmeln, bis wir sie nach Lanzarote einluden. Und als sie dann kamen, waren sie mir einfach sympathisch, keine glatten Herren aus Hollywood, sondern eigensinnige Visionäre, die tausend Fragen hatten. Zum Beispiel: Wie blickt man als Erzähler auf seine blinden Figuren? Im Buch gibt es die Frau eines Arztes, die als Einzige nicht blind ist und den Horror sieht – eine schreckliche Bürde, aber auch eine Rettungschance. Die Kamera muss aus Sicht dieser Frau, aus Sicht der Blinden und dann wieder aus einer neutralen Außenperspektive erzählen. Ein ständiger schwieriger Wechsel der Betrachtungsweisen.

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ZEIT: Kennen Sie den fertigen Film?

Saramago: Nein, aber eine Vorabfassung. Ich bin froh, dass der Regisseur nicht sklavisch meinem Text folgt, sondern eigene erschütternde Szenen findet. Wie die Menschen, wenn sie erblinden, eintauchen in ein leuchtendes Weiß, das das Wesen der Dinge absorbiert. Wie andererseits der Raum um die hilflosen Menschen sich verdüstert durch Müll, Kot, Blut. Ich habe die Grausamkeit und die Selbsterniedrigung der Blinden während ihrer Gefangenschaft in der Irrenanstalt neu erlebt.

ZEIT: Welche Szene hat Sie besonders beeindruckt?

Saramago: Vor allem dieser eine Moment, der eigentlich nur ein Blick durch ein breites Flurfenster ist, hinter dem eine Prozession blinder Frauen auftaucht. Sie sind unterwegs in den düstersten Trakt ihres Gefängnisses, wo Blinde hausen, die den anderen die Essensrationen zuteilen. Die Frauen müssen den Männern ihre Körper verkaufen, um nicht zu verhungern. Im Blick auf diesen Opfergang wurde für mich das Leid aller unterdrückten Frauen lebendig, und ich habe mich dafür geschämt, was wir Männer ihnen seit Menschengedenken antun.

ZEIT: Diese Frauen sind ein Lichtblick in der apokalyptischen Welt der Irrenanstalt, sie verhalten sich solidarischer als die Männer. Glauben Sie wirklich an die moralische Kraft der Schwachen?

Saramago: Nun ja, die positiven Rollen in meinen Büchern sind alle mit Frauen besetzt. Aber das ist nicht versöhnlich gemeint. Die Frau des Arztes sieht weder kraft ihrer Vernunft noch kraft ihres Herzens, sondern zufällig und weil ich eine Zeugin brauchte. Ich wollte zeigen, dass unsere aufgeklärte Moral bedroht und unsere Vernunft blind ist. Sehenden Auges bleiben wir Blinde. Wir können sehen, aber sehen nicht. Wir leben mit dem alltäglichen Horror und haben gelernt, wegzuschauen.

ZEIT: Für einen Marxisten sind Sie sehr pessimistisch, Ihr Menschenbild widerspricht im Grunde dem historischen Materialismus, der den Triumph der Unterdrückten predigt. Was sagen Ihre Parteifreunde dazu?

Saramago: Niemand ist blinder als ein Visionär, der die Augen vor der Realität verschließt. Natürlich war die Partei oft mit mir über Kreuz und umgekehrt. Aber zum Zerwürfnis kam es nie, auch weil die KP in Portugal keine Macht hatte, es gab weder Sowjetkommunismus noch Staatssozialismus.

ZEIT: Wie halten Sie es heute mit der Utopie?

Saramago: Wenn ich könnte, würde ich das Wort Utopie aus dem Wörterbuch streichen. Was ist schon Utopie? Ein Sammelsurium von Ideen, die man eigentlich in der Gegenwart verwirklichen will, aber weil sich das als schwierig erweist, projiziert man sie in eine ferne Zukunft. Eine bequeme Sache. Linke Utopie dürfte sich immer nur auf morgen, nicht auf übermorgen beziehen.

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ZEIT: Haben Sie deshalb Attac mit einem Manifest für mehr Gerechtigkeit unterstützt und bei den Europa-Wahlen 2004 für die KP kandidiert?

Saramago: Für erreichbare Ziele setze ich mich ein, für Illusionen nicht. Der Kommunismus als Utopie hat viel Schaden angerichtet, weil die Arbeiterklasse von unerreichbaren Dingen träumte.

ZEIT: In Ihren Romanen schildern Sie Gefangenschaft und Ausweglosigkeit als Grunderfahrungen unserer Zeit. Die Geschichte der Belagerung von Lissabon (1989), Das Zentrum (2000), Die Stadt der Sehenden (2006) handeln von Unfreiheit, die in Faschismus und Stalinismus millionenfach erlitten wurde. Sie selber haben die portugiesische Diktatur unter Salazar erlebt. Warum traten Sie 1969 in die KP ein, obwohl man von Stalins Gulags bereits wusste?

Saramago: Da könnten Sie auch fragen: Wieso wird noch jemand Katholik nach der Inquisition? Die Perversion guter Ideen gab es immer. Ich will die totalitären Regime nicht in Schutz nehmen, aber auch in den sogenannten Demokratien gibt es ein hohes Maß an Unfreiheit. Wenn ich in die USA reise, können die Behörden die Festplatte meines Computers kopieren. Wenn Finanzmärkte zusammenbrechen, werden Staatskassen geplündert. Was hat das mit Demokratie zu tun? Ich habe in den letzten Jahren viele Vorträge über Globalisierung als totalitäre Idee gehalten, und die jetzige Lage gibt mir leider recht. Marx war nie aktueller als heute.

ZEIT: In Ihrem Roman Das Zentrum erlebt der Leser eine Konsumdiktatur, an der vor allem die kleinen Leute zugrunde gehen. Die Hauptfigur, ein alter Töpfer, kann seine Waren nicht mehr verkaufen und muss das Haus seiner Vorväter verlassen. Er wird in ein künstliches Paradies voller Geschäfte, Kasinos und simulierter Naturereignisse vertrieben, dessen Fenster man nicht öffnen kann.

Saramago:Das Zentrum ist mein einziger globalisierungskritischer Roman, da wird ein riesiges Einkaufszentrum über der Höhle Platons errichtet. Die Menschen schaffen sich einen sauberen Tempel im Dreck der Moderne. Sie leben in einem Kokon, der sie gegen die Wirklichkeit abschirmt, gegen die Folgen ihrer Gier und ihrer Selbstsucht. Schauen Sie sich die tristen Agrargürtel an, die Westeuropas Großstädte umschließen, und mitten auf dem Feld plötzlich diese strahlenden Kaufhäuser. Warum schaffen sich Menschen freiwillig so eine Welt? Ich wollte zeigen, dass unsere Freiheit darin besteht, uns zum Guten oder zum Bösen zu entscheiden, aber wir immer wieder das Böse wählen und uns einreden, es wäre das Gute. Wir bleiben blinde Betrüger unserer selbst wie in Platons Höhlengleichnis.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, wenn Sie nicht der Enkel eines Schweinehirten wären, wären Sie ein anderer. In Ihrer Nobelpreisrede 1998 verbeugten Sie sich vor dem Großvater, der weder lesen noch schreiben konnte, aber der weiseste Mensch gewesen sei, den Sie je kannten. Woher nehmen Sie heute die Inspiration für Ihr Schreiben?

Saramago: Die Idee für Das Zentrum kam mir, als ich nahe Lissabon eine gigantische Werbung für eine Shoppingmall sah. Außerdem hatte ich in einer spanischen Zeitung vom letzten Willen einer Frau gelesen hatte, ihre Asche über einem Einkaufszentrum zu verstreuen, wo sie die glücklichsten Stunden ihres Lebens verbracht hätte. Kann Einkaufen Glück sein? Konsum ein Daseinszweck?

ZEIT: Vor dreißig Jahren hatten die Portugiesen andere Träume. Das Buch, das Sie berühmt machte, hieß Hoffnung im Alentejo und handelte von der Nelkenrevolution 1974. Warum ist sie gescheitert?

Saramago: Eine Revolution ist zunächst mal ein Nein, das den bestehenden Verhältnissen gilt. Aus dem Nein kann schnell wieder ein Ja werden, wenn der neue Staat schlecht funktioniert. Die Nelkenrevolution erstarrte in Bürokratie, die neuen Mächtigen vergaßen ihre Ideale. In Spanien gibt es den Spruch: "Gegen Franco haben wir besser gelebt." Es ist leichter, gegen etwas zu kämpfen, als aus einem Sieg etwas zu machen.

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ZEIT: Sie selbst wurden nach der Nelkenrevolution stellvertretender Chefredakteur des Diario de Noticias. Manche sagen, Sie waren ein kommunistischer Hardliner, der keine Widerworte duldete.

Saramago: Das ist eine Erfindung. Ich war kein Zensor, auch wenn meine rechten Gegner das gern verbreiten. Als ich beim Diario war, wollten einige Journalisten ein Manifest veröffentlichen. Die Entscheidung hing jedoch nicht von mir ab, sondern vom Redaktionsrat, den ich einberief. Der Rat entschied gegen das Manifest und hängte den Mitarbeitern ein Disziplinarverfahren an, nach dem sie entlassen wurden. Ich persönlich habe niemanden zensiert. Ende 1975 wurde ich schon wieder gefeuert.

ZEIT: Waren die Regierenden nach der Nelkenrevolution offen für Kritik? Oder scheiterte das neue System auch an seiner Selbstgefälligkeit?

Saramago: Es gab ja kein System, sondern die Portugiesen lagen ständig mit sich im Streit. Die Revolution 1974 war ein friedlicher Militärputsch, daraus entstand ein Revolutionsrat, der mehrheitlich von Vertretern des Zentrums und der Rechten bestimmt war. Außerdem bekämpften Militärs und Sozialisten einander. Im März 1975 gab es freie Wahlen, aus denen die sozialistische Partei um Mario Soares als Siegerin hervorging. Soares riet den Genossen, erst mal Marx zu studieren, damit sie wüssten, worauf es ankomme. Später hat er die Marktwirtschaft befürwortet, hat Sozialismus und Marxismus in eine Schublade geworfen. 2005 warf der sozialistische Präsident José Sócrates die Schublade auf den Müll. Die Agrarreform wurde übrigens von den Sozialisten gestoppt, wir Kommunisten versuchten, das Volk zu mobilisieren. Portugals KP war immer an der Basis aktiv. Im armen Alentejo stellen wir Bürgermeister, in den Industriezentren sind wir bei den Arbeitern geachtet. Wir haben zwar nur knapp neun Prozent der Stimmen im Parlament, aber wir sind die Gesellschaftskritiker, die die Missstände benennen. Als Autor mache ich letztlich nichts anderes, nur mit anderen Mitteln.

ZEIT: Zum Entsetzen Ihrer Gegner beschrieben Sie vor gut zwanzig Jahren in dem Roman Das Steinerne Floß das Abdriften der Iberischen Halbinsel von Europa. Tatsächlich ist das Gegenteil passiert: Portugal und Spanien gehören zur EU. Trotzdem provozierten Sie vergangenes Jahr mit dem Vorschlag, die beiden Nachbarländer sollten sich zu einem Staat "Iberia" zusammenschließen. Warum?

Saramago: Weil Spanier und Portugiesen sich absolut nicht vorstellen können, gut miteinander auszukommen. Das wollte ich thematisieren. Und prompt brach ein Sturm der Entrüstung los, wie Furien fielen die Kommentatoren über mich her.

ZEIT: Das scheint Sie im Nachhinein sehr zu amüsieren. Ist die Rolle des ewigen Provokateurs nicht manchmal anstrengend?

Saramago: Ach was, ich habe ein dickes Fell.

Das gespräch führte Evelyn Finger

"Sehenden Auges sind wir Blinde. Wir können sehen, aber sehen nicht. Wir leben mit dem Horror und haben gelernt, wegzuschauen"