ZEIT: Kennen Sie den fertigen Film?

Saramago: Nein, aber eine Vorabfassung. Ich bin froh, dass der Regisseur nicht sklavisch meinem Text folgt, sondern eigene erschütternde Szenen findet. Wie die Menschen, wenn sie erblinden, eintauchen in ein leuchtendes Weiß, das das Wesen der Dinge absorbiert. Wie andererseits der Raum um die hilflosen Menschen sich verdüstert durch Müll, Kot, Blut. Ich habe die Grausamkeit und die Selbsterniedrigung der Blinden während ihrer Gefangenschaft in der Irrenanstalt neu erlebt.

ZEIT: Welche Szene hat Sie besonders beeindruckt?

Saramago: Vor allem dieser eine Moment, der eigentlich nur ein Blick durch ein breites Flurfenster ist, hinter dem eine Prozession blinder Frauen auftaucht. Sie sind unterwegs in den düstersten Trakt ihres Gefängnisses, wo Blinde hausen, die den anderen die Essensrationen zuteilen. Die Frauen müssen den Männern ihre Körper verkaufen, um nicht zu verhungern. Im Blick auf diesen Opfergang wurde für mich das Leid aller unterdrückten Frauen lebendig, und ich habe mich dafür geschämt, was wir Männer ihnen seit Menschengedenken antun.

ZEIT: Diese Frauen sind ein Lichtblick in der apokalyptischen Welt der Irrenanstalt, sie verhalten sich solidarischer als die Männer. Glauben Sie wirklich an die moralische Kraft der Schwachen?

Saramago: Nun ja, die positiven Rollen in meinen Büchern sind alle mit Frauen besetzt. Aber das ist nicht versöhnlich gemeint. Die Frau des Arztes sieht weder kraft ihrer Vernunft noch kraft ihres Herzens, sondern zufällig und weil ich eine Zeugin brauchte. Ich wollte zeigen, dass unsere aufgeklärte Moral bedroht und unsere Vernunft blind ist. Sehenden Auges bleiben wir Blinde. Wir können sehen, aber sehen nicht. Wir leben mit dem alltäglichen Horror und haben gelernt, wegzuschauen.

ZEIT: Für einen Marxisten sind Sie sehr pessimistisch, Ihr Menschenbild widerspricht im Grunde dem historischen Materialismus, der den Triumph der Unterdrückten predigt. Was sagen Ihre Parteifreunde dazu?

Saramago: Niemand ist blinder als ein Visionär, der die Augen vor der Realität verschließt. Natürlich war die Partei oft mit mir über Kreuz und umgekehrt. Aber zum Zerwürfnis kam es nie, auch weil die KP in Portugal keine Macht hatte, es gab weder Sowjetkommunismus noch Staatssozialismus.

ZEIT: Wie halten Sie es heute mit der Utopie?

Saramago: Wenn ich könnte, würde ich das Wort Utopie aus dem Wörterbuch streichen. Was ist schon Utopie? Ein Sammelsurium von Ideen, die man eigentlich in der Gegenwart verwirklichen will, aber weil sich das als schwierig erweist, projiziert man sie in eine ferne Zukunft. Eine bequeme Sache. Linke Utopie dürfte sich immer nur auf morgen, nicht auf übermorgen beziehen.