Ich liebe es, in Werkshallen die fertigen Produkte zu betrachten, die ich entworfen habe. Ich schaue ihnen nach, wie sie auf den Fließbändern zur Verpackung abtransportiert werden und ihr Eigenleben beginnen.
Mein Traum wäre es, heimlich beobachten zu können, wie die Leute mit meinen Entwürfen leben. Ich möchte sehen, wie sie mit meinen Stühlen leben, wo sie die Sofas hinstellen, womit sie mein Geschirr kombinieren.

Nicht die aufgeräumten Wohnungen interessieren mich, in denen Besucher empfangen werden, sondern die Realität. Ich will in meinem Traum all die unterschiedlichen Schichten erfassen, die das tägliche Leben ausmachen: Glamour, Nostalgie, Eleganz, Erinnerung, Komfort. Ich bin neugierig auf den Alltag anderer Leute, ich fühle mich als ihre Komplizin. Gutes Design hat einen Bezug zum Leben, es geht eine Beziehung mit den Menschen ein. Ein gelungener Sessel tut nicht nur körperlich gut, sondern gibt auch Trost.

Meine eigene Wohnung ist einfach und unkompliziert. Ich brauche nicht viele Dinge, weil ich durch meine Arbeit ohnehin den ganzen Tag mit Design in Berührung komme. Ein paar Prototypen stehen bei mir herum, also Modelle, die noch nicht in die Serienproduktion gegangen sind.

Meine Freunde wundern sich gelegentlich, dass ich mit kaputten Möbeln lebe, dabei sind die Sachen in Wahrheit noch nicht fertig. Ich teste sie bei mir zu Hause. Es gibt Lampen in meiner Wohnung, aber an einigen Stellen hängen noch Glühbirnen. Ich mag dieses Gefühl des Provisoriums. Es macht mich frei. Meine Wohnung ist ein Schmelztiegel aus allen möglichen Sachen. Ich finde, man muss nicht unbedingt alles besitzen, was einem gefällt.

Als ich in den achtziger Jahren in Italien studiert habe, gab es in fast jeder Wohnung den Klappstuhl Plia und die Lampe Parentesi. Ich liebte beide Modelle, aber keins davon hat mir jemals gehört. Konsum ist längst nicht mehr so wichtig wie etwa Kommunikation.

Wir konsumieren heute auf virtuelle Art und entwickeln uns weiter, indem wir Dinge anschauen. Auf Reisen zum Beispiel oder bei Kunstausstellungen oder in Diskussionen. All dies ist meinungsbildend und bringt mich viel weiter als die materiellen Dinge, die ich zu Hause herumstehen habe.

Neulich war ich in Kambodscha, und da saß eine große Familie auf niedrigen weißen Plastikhockern am Straßenrand und hat ein Festmahl genossen. Die Tische waren mit Decken und Plastikblumen geschmückt. Die ganze Szene strahlte in meinen Augen eine große Würde und Eleganz aus. Allein die Erinnerung daran, wie sich diese Menschen sehr ernsthaft ihrem Essen widmeten, hat für mich enormen Wert.

Aufgezeichnet von Ilka Piepgras

Patricia Urquiola, 47, Architektin und Designerin, wurde in Oviedo, Spanien, geboren und ist neben Zaha Hadid eine der einflussreichsten Gestalterinnen der Gegenwart. Nach mehreren Möbelklassikern hat sie zuletzt eine Badserie für Hans Grohe gestaltet.

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