Ein Cent pro Aktie. Verglichen mit dem symbolischen Euro, den die Lufthansa ursprünglich für den Staatsanteil von 41,6 Prozent an den maroden Austrian Airlines (AUA) zu zahlen bereit war, hätten die Deutschen am vergangenen Wochenende schließlich doch noch tief in die Tasche gegriffen. Es war ein Angebot, das die Staatsholding ÖIAG nicht hätte ausschlagen dürfen. Selbst wenn die Republik zusätzlich erhebliche Summen hätte aufwenden müssen, um Pensionsrückstellungen für das Personal und etwaige Wertberichtigungen bei der Flugzeugflotte abzudecken sowie um mit 500 Millionen Euro einen Teil der Schulden, welche die österreichische Fluglinie in den vergangenen Jahren angehäuft hat, zu übernehmen. Zumindest wäre den Steuerzahlern dadurch eine noch größere Finanzspritze in naher Zukunft erspart geblieben. Denn so billig, wie zu Beginn dieser Woche, werden sich Politiker und staatsnahe Manager demnächst vermutlich nicht mehr aus der Affäre ziehen können.

Doch in gewohnter Manier zogen es die verantwortlichen Akteure vor, sich vor einer unangenehmen Entscheidung zu drücken. Sie spielen nun lieber auf Zeit, indem sie den Privatisierungsauftrag um zwei Monate verlängern, und hoffen offensichtlich auf ein Wunder, indes das Defizit der AUA immer dramatischer wird. Zum Jahresende wird es vielleicht 100 Millionen Euro betragen oder auch 125 Millionen Euro und mehr, so genau wagt das jetzt keiner mehr zu prophezeien. Hauptsache, niemand muss vorläufig die Konsequenz für die jahrelange Fehlkalkulation ziehen.

Eine politisch nicht opportune Studie verschwand einfach im Tresor

Allerdings handelt es sich bei dieser Taktik um genau jenes Verhalten, durch das die AUA innerhalb relativ kurzer Zeit in ihre missliche Lage manövriert wurde. Schon seit Jahren gab es für die Fluglinie keine realistische Unternehmensstrategie mehr, die es ihr ermöglicht hätte, sich auf dem heftig umkämpften Markt zu behaupten. Stattdessen stellten die Politiker Forderungen, die vor allem ihrem Wunschdenken verpflichtet waren und die sich vielleicht in Sonntagsreden vorteilhaft anhören. Das Management, allesamt Leute, die der gerade tonangebenden Regierungspartei, diesfalls der Volkspartei von Wolfgang Schüssel, ihre Jobs verdankten, gefiel sich in der Rolle des Erfüllungsgehilfen. Ob wider besseres Wissen, ändert wenig an der Kompetenz dieser Wirtschaftskapitäne. Sie gaben sich jedenfalls den Anschein, dem Gesundbeten ökonomische Heilkraft zuzuschreiben.

Angesichts des gegenwärtigen Debakels klingen die Schlagworte, die noch vor wenigen Monaten den Sturzflug der AUA begleiteten, wie Hohn: Eine "Stand-alone-Strategie" wurde beschworen, Wien zu dem "Drehkreuz Ost" in Europa erklärt, die "rot-weiß-rote Heckflosse" zum nationalen Heiligtum erhoben und der Wiener Charme, der angeblich die viel zu teure und zu inhomogene Luftflotte beflügelte, zu einem unschlagbaren Wettbewerbsvorteil verklärt. Schließlich, als im AUA-Cockpit bereits unüberhörbar die Alarmmelder quäkten, beharrten die Regierungsparteien bei der leider nun plötzlich unvermeidlichen Privatisierung der Fluglinie auf einer "österreichischen Sperrminorität". Schließlich hatte gerade ein Wahlkampf begonnen, und da machen sich patriotische Lippenbekenntnisse immer gut.

Schuld an der lange absehbaren Misere trägt nun natürlich niemand, auch das ist Gepflogenheit beim Zusammenspiel von Politikern und den von ihnen bestellten Managern. Eine Phase hoher Kerosinpreise, abgelöst von einer weltweiten Finanzkrise, kommt nun bei der Suche nach Sündenböcken höchst gelegen, selbst wenn auch andere Fluglinien diese Schwierigkeiten zu bewältigen hatten. Bloß die trübe Situation der AUA vermögen diese Schuldzuweisungen nicht zu verbessern.

Als vor mehr als zwei Jahren der Unternehmensberater Roland Berger das Flugunternehmen, damals noch vergleichsweise gesund, unter die Lupe nahm, empfahl er, dringend eine strategische Kooperation mit einem starken Partner anzubahnen. Auf sich allein gestellt, sei die Airline mit der teuren Kostenstruktur nicht überlebensfähig. Dieser Befund hätte wahrscheinlich letztlich eine Restrukturierung bei Personal und im Streckennetz nach sich gezogen. Das war allerdings politisch nicht sonderlich opportun und hätte überdies das Eingeständnis verlangt, zu lange eine falsche Strategie verfolgt zu haben. Also verschwand die unbequeme Studie sang- und klanglos im Tresor. Weder in der AUA noch in der ÖIAG fand sich jemand, der darauf beharrt hätte, zumindest über dieses Expertenurteil zu diskutieren. Wenn nun vielleicht doch der eine oder andere der Manager, die sich die Möglichkeit zu einer damals noch kostengünstigeren Sanierung entgehen ließen, von Bord gehen muss, so wird er gewiss an einem goldenen Fallschirm zu neuer Betätigung schweben.