Dreißig Credit-Points hat Ulrike Lorenz von ihrem Auslandssemester in Stellenbosch, Südafrika, mit nach Hause gebracht. 30 europäische Kreditpunkte wohlbemerkt, die sie direkt für ihren Master in Global Studies anrechnen lassen konnte.

Was hat Südafrika mit der europäischen Hochschulreform zu tun, in deren Zentrum die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master stehen – und dazu eben ECTS-Kreditpunkte, die den Transfer von einer Universität an die andere, von einem europäischen Land ins andere, erleichtern sollen? Eine Menge, denn es ist eine europäische Reform, doch sie hat auch ihre weltweiten Seiten: Vier Semester, drei Studienorte, zwei Kontinente – das ist normal bei den Masterstudiengängen, die über das Programm Erasmus-Mundus der Europäischen Union gefördert werden, ein spezielles und einzigartiges Programm, das den Bologna-Raum über die Grenzen Europas hinaus erweitert.

Bei Ulrike Lorenz’ Studiengang zum Beispiel arbeiten vier europäische Hochschulen eng mit Partnern in Südafrika, Kanada, China, Indien und den USA zusammen. Vier Semester dauert dieser nichtkonsekutive Master. Während der ersten beiden hat Lorenz in Leipzig Globalgeschichte, sozialwissenschaftliche Thesen zur Globalisierung und Methoden der Globalisierungsforschung gelernt. "Ich hatte nur sehr wenig Zeit herausfinden, wie ich dieses ausufernde Studienfach für mich greifbar machen konnte." Im dritten Semester sammelte sie Daten für ihre Masterarbeit, die sie im vierten in Wien geschrieben hat.

Bibiana Cortés hat für ihr Joint Degree in Europäischem Recht nach dem Start in Hannover im dritten Semester drei Monate an der Jiao-Tong-Universität in Shanghai verbracht. Das war faszinierend, sagt sie: "In China unterscheidet sich die Kultur in allen Lebensbereichen wirklich komplett." Außer im europäischen Recht hat Cortés zudem Einblicke in das chinesische Rechtssystem bekommen.

Eigentlich sind Erasmus-Mundus-Programme für exzellente Bachelorabsolventen aus aller Welt ausgelegt, aber auch Europäer können sich für die Programme bewerben – und müssen die gleichen Anforderungen erfüllen. Der Andrang ist groß: Aus 1000 Bewerbern können sich zum Beispiel die Universitäten in Leipzig, Wien, dem polnischen Wrocław und die London School of Economics and Political Science Studenten für ihre insgesamt 70 Plätze aussuchen. Englisch ist selbstverständlich Unterrichtssprache. "Wir können aus der Weltliga der Absolventen wählen", sagt der Leipziger Professor Matthias Middell, Koordinator des Masterprogramms Global Studies. Darin stehen die Programme in Konkurrenz zu Spitzenhochschulen in den USA, Australien oder Großbritannien. 2005 wurde Erasmus-Mundus aufgelegt; heute werden 120 Masterprogramme gefördert.

Erasmus-Mundus ist mit großzügigen Stipendien für die außereuropäischen Gäste verbunden, bei denen die Teilnehmer aus Europa bisher leer ausgehen. Doch auch Ulrike Lorenz und Bibiana Cortés haben Geld aus dem Programm bekommen: Mit 3100 Euro wurden ihre Aufenthalte außerhalb der EU unterstützt – immerhin. Und eine Verbesserung ist in Sicht (siehe Kasten).

Während beim normalen Erasmus-Programm die Anerkennung der Leistungen im Ausland oft erheblich davon abhängt, wie sehr sich der einzelne Student auf den Auslandsaufenthalt vorbereitet und wie hartnäckig er sich durch die Widerstände an den Hochschulen kämpft, hat er es bei Erasmus-Mundus leichter. Das liegt besonders daran, dass die Lehrenden der beteiligten Hochschulen eng zusammenarbeiten und sich mehrmals im Jahr treffen. Als eine der Ersten im Programm musste Bibiana Cortés der chinesischen Verwaltung noch erklären, wie viel die europäischen Credit-Points wert sind. Der Grund: In China erhalten die Studenten für eine Vorlesung mit zwei Stunden pro Woche nur halb so viele Punkte wie hierzulande, allerdings müssen sie jedes Semester auch nur halb so viele einbringen. Und jetzt ist das dort bekannt.