Ausdrucksvoll spielen und Texte deklamieren, das reicht längst nicht mehr auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Heute verlangen Theaterregisseure unbedingten Körpereinsatz. "Schauspieler müssen beinahe schon Akrobaten sein", sagt Michael Ibers, Aikido-Meister und Träger des sechsten Dan-Grades. In den Räumen der Bayerischen Theaterakademie im Münchner Prinzregententheater unterweist er zehn junge Schauspielschülerinnen und -schüler in der Kunst des japanischen Kampfsportes. "Für Kampfszenen ist das, was wir hier üben, besonders gut geeignet", sagt Ibers. Es gehe aber nicht nur darum, richtig zu fallen, ohne sich dabei zu verletzen. Sondern auch darum, seine Mitte zu finden, Geist und Körper zu öffnen. "Wenn man langsam besser wird, reduziert man immer mehr. Man kommt zum Wesentlichen. Das ist bei einem erfahrenen Schauspieler nicht anders."

Bis dahin ist es für die jungen Teilnehmer des Diplomstudiengangs Schauspiel an der Theaterakademie August Everding allerdings noch ein weiter Weg. Zunächst sind sie froh, überhaupt dabei sein zu können. Alle haben sie ein mehrstufiges Auswahlverfahren hinter sich, das es mit jedem Assessment-Center in der freien Wirtschaft aufnehmen kann. 600 bis 800 junge Leute aus dem deutschsprachigen Raum bewerben sich jedes Jahr für die begehrten Studienplätze. Nur zehn werden schließlich aufgenommen. "Ich habe hier endlich das Gefühl, dort angekommen zu sein, wo ich schon immer hinwollte", sagt die 22-jährige Evgenjia Rykova aus München. Ein Stockwerk höher üben Sonja Isemer (23) und Franziska Herrmann (22) bereits für das Absolventenvorsprechen. Nach vier Jahren Studium und zahlreichen Auftritten in Schauspielinszenierungen der Theaterakademie sollen sie Intendanten, die eigens von der Akademie eingeladen werden, eine Kostprobe ihres Könnens geben. Das Studium sei hart gewesen, aber sehr effektiv, sagt Sonja Isemer. "Es gab Phasen, wo ich mich gar nicht traute, über die Bühne zu laufen. An anderen Tagen kann man dann nicht schnell genug aufstehen, um endlich spielen zu können." Vor ihrem Auftritt beim Absolventenvorsprechen ist der jungen Darstellerin nicht bang. "Ich will gut rüberkommen. Aber ich will mich nicht anbiedern", sagt Sonja Isemer. Vertrauen in die eigenen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, das gehört ebenso zu den Fähigkeiten, die die jungen Mimen während ihres Studiums lernen müssen.

Tom Waits und Johann Strauß im Prinzregententheater

Auch Klaus Zehelein, dem Präsidenten der Bayerischen Theaterakademie und Leiter des Diplomstudiengangs Dramaturgie, mangelt es nicht an Selbstvertrauen. Zehelein war von 1991 bis 2006 Intendant der Stuttgarter Staatsoper, die unter seiner Leitung mehrmals von der Fachzeitschrift Opernwelt zum "Opernhaus des Jahres" gekürt wurde. 2006 engagierte ihn der damalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair für den Chefposten an der Theaterakademie. Mit ihm zog endlich Kontinuität in dem Haus ein, das seit dem Tode von Akademiegründer August Everding innerhalb weniger Jahre vier Präsidenten hatte kommen und gehen sehen. Mit besonderem Stolz erfüllt Zehelein die Tatsache, dass seine Theaterakademie von der Rezensentin der Neuen Zürcher Zeitung dieses Jahr für den begehrten Titel eines "Opernhauses des Jahres" nominiert wurde. "Dabei sind wir ja gar keine richtige Oper mit einem festen Ensemble", sagt Zehelein.

Zentrum der Akademie, die 1993 von dem legendären Theaterimpresario August Everding gegründet wurde, ist das Prinzregententheater im Münchner Stadtteil Bogenhausen mit seinen drei technisch voll ausgestatteten Bühnen. Mit neun Studiengängen (Schauspiel, Regie, Operngesang, Musical, Dramaturgie, Bühnenbild und Bühnenkostüm, Maskenbild, Lichtgestaltung sowie Theater-, Film- und Fernsehkritik) ist die Akademie die größte deutsche Ausbildungsstätte für Bühnenberufe. Den offiziellen Status einer Hochschule besitzt sie nicht. Eingeschrieben sind die mehr als 200 Studierenden bei einem der akademischen Kooperationspartner: der Münchner Musikhochschule, der Ludwig-Maximilians-Universität, der Akademie der Bildenden Künste oder der Hochschule für Fernsehen und Film. Sogenannte Produktionspartnerschaften gibt es mit den drei Münchner Staatstheatern, verschiedenen Profiorchestern sowie weiteren Bühnen im In- und Ausland. Das Besondere an der Theaterakademie ist die Vielfalt der Studiengänge und deren räumliche und inhaltliche Verbindung. An der geplanten interdisziplinären Neuproduktion der Oper The Fairy Queen des Barockkomponisten Henry Purcell etwa wirken allein vier Studiengänge mit: Operngesang, Schauspiel, Musical und Maskenbild. Für eine Neuschaffung des Librettos hat man den Schriftsteller Durs Grünbein gewonnen.

In dem prächtigen klassizistischen Theatergebäude, das einmal Richard Wagner als Festspielstätte dienen sollte, drängen sich die Studenten vor dem offiziellen Semesterbeginn. "Wir brauchten dringend neue Räume", sagt Zehelein. Ein Anbau sei schon geplant, nur das Geld sei noch nicht bewilligt. Im Akademiestudio probt gerade der Regiediplomand Moritz Schönecker seine Diplomproduktion, Die Stadt der Blinden von José Saramago. Im Opernstudio sind Schauspielstudenten unter Leitung von Regisseur und Studiengangsleiter Jochen Schölch intensiv mit der Neuproduktion des Black Rider von Tom Waits beschäftigt. Und im Großen Haus läuft gerade die Kostümprobe für die Oper Wiener Blut von Johann Strauß in der Fassung für sechs Klaviere. Wie die jungen Sängerinnen und Sänger auf der Bühne singen und agieren und echten Wiener Schmäh zum Besten geben, das wirkt schon sehr überzeugend.

Ein Kunststudium in Modulen, wie soll das gehen?