Die Idee europaweit gültiger Leistungsnachweise klingt so gut. Doch nach dem Auslandssemester kommt der Kampf mit der Bürokratie

Wenn Rüdiger Jütte sich über den Stand der Studienreform informieren möchte, muss er nur in seinem Posteingang nachschauen. Derzeit findet er dort besonders viele E-Mails. Es sind die Hilferufe deutscher Studenten. Mit jeder Menge bestandener Klausuren und Hausarbeiten im Gepäck kehren sie zurück von ihrem Auslandsjahr in Edinburgh, Mailand oder Kopenhagen und fallen aus allen Wolken: Alles nichts wert in der Heimat. Die Gleichwertigkeit sei nicht gegeben, urteilen die Prüfungsausschüsse in gnadenlosem Amtsdeutsch. Aber es gibt doch Bologna!, schreiben die verzweifelten Studenten dann an Rüdiger Jütte, Referatsleiter für Äquivalenzen und Anerkennung bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Der kann oft nur die Achseln zucken: Die Sache mit der Äquivalenz sei eben leider doch komplizierter als die bloße Addition von Kreditpunkten. "Es gibt da keine letzte Sicherheit."

Die Studenten sind der Gunst ihrer Professoren ausgeliefert

Ein ernüchternder Satz, wenn man bedenkt, mit welchen Vorsätzen die Bologna-Reform an den Start gegangen ist. Neben den neuen Abschlüssen Bachelor und Master galt das Versprechen akademischer Reisefreiheit als eine ihrer Zauberformeln. Ein Versprechen mit vier Buchstaben: ECTS. Die Abkürzung steht für European Credit Transfer System und soll eine gemeinsame europäische Währung für Studienleistungen sein. In ECTS-Kreditpunkten ausgedrückt, sollen sie vom Ausland problemlos an die heimische Uni transferiert werden können. Doch die Realität sieht immer noch anders aus: Viel zu oft sind die reisefreudigen Studenten Bittsteller ohne Rechte, der Gunst ihrer Professoren ausgeliefert, die mit einer verweigerten Unterschrift ganze Studienpläne über den Haufen werfen. Und das Bitterste ist: Viele Rückkehrer ahnen nichts von den Problemen, sie haben auf die Bologna-Hochglanzbroschüren vertraut. Bernhard Kempen, Präsident der Professorenvereinigung Deutscher Hochschulverband (DHV), zürnt: "Durch ECTS werden systematisch falsche Hoffnungen geweckt."

Mit der Kritik am ECTS wachsen die Zweifel am einzigen Grundpfeiler des Bologna-Prozesses, der bislang vom Sturm verschont geblieben ist. So erreicht das bereits ernste Imageproblem der Hochschulreform eine neue Dimension – was umso ärgerlicher ist, weil längst erste Erfolge der Reform sichtbar werden und viele Schreckensmeldungen über Abbrecherquoten, Planungschaos und grenzenlosen Stress für die Bachelorstudenten übertrieben waren. Jetzt aber nehmen die Bologna-Kritiker auch die Idee der international einheitlichen Kreditpunkte aufs Korn, die als Inbegriff von Einfachheit und Transparenz galt.

Das Grundprinzip des ECTS ist schnell erklärt: Ein dreijähriges Bachelorstudium besteht aus 180 ECTS-Punkten, 30 pro Semester. Jeder Punkt soll einer Arbeitsbelastung von 30 Stunden für den Studenten entsprechen. Für ein Vorlesungsmodul mit 4 Punkten müsste er also 120 Stunden arbeiten, für sein Studium 5400 Stunden. Theoretisch. Denn bislang fehlt eine europaweit einheitliche Regelung, wie sich studentische Arbeitsstunden überhaupt messen lassen – ohne dass die Eitelkeit der Professoren für Verzerrungen sorgt oder die Selbstüberschätzung der Studenten, die nach ihrem Arbeitsaufwand befragt werden. Hinzu kommt, dass etwa die Briten einen ECTS-Punkt schon für 20 Stunden hergeben, die Schweden für 26 bis 27 Stunden: Das ECTS täuscht eine riskante Pseudogenauigkeit vor. Denn zu viele Uni-Hopper glauben so, dass die Anerkennung ihrer Studienleistungen nur noch Formsache sei, und verzichten auf zusätzliche Absprachen. Ein Fehler, denn längst nicht alle Hochschulen, auch nicht die großen, haben detaillierte Abkommen miteinander, was die gegenseitige Anerkennung angeht. Wenn kein sogenanntes Learning Agreement zwischen Student, Gast- und Heimatuni geschlossen wurde, ist bei der Anrechnung selbst dann schnell Feierabend, wenn Inhalt und ECTS-Punktzahl der betreffenden Kurse übereinstimmen. Immerhin: Die heimischen Professoren können Gnade walten lassen. Doch der Vorteil gegenüber der Vor-ECTS-Ära ist gleich null.

Das äußerst erfolgreiche Erasmus-Austauschprogramm, das jedes Jahr fast 25000 deutsche Studenten an Europas Hochschulen sorgenfrei studieren lässt, beweist, wie reibungslos Learning Agreements und feste Hochschulkooperationen funktionieren. Meistens zumindest. Denn selbst die können irgendwann nicht mehr helfen: dann nämlich, wenn beispielsweise ein Mathe-Grundkurs in Edinburgh von den Lernzielen her identisch ist mit dem Mathe-Grundkurs in Berlin, aber mit nur drei ECTS-Punkten eingetragen ist – im Gegensatz zu vier in Berlin. Spätestens dann winken selbst die kooperativsten Prüfungsausschüsse ab. "Genau das ist die Stelle, wo die Pseudogenauigkeit von ECTS nicht nur nichts verbessert hat, sondern zu einer Verschlechterung geführt hat", sagt DHV-Präsident Kempen. "Früher konnten wir Professoren die Regelungslücken ausnutzen und einen Schein ausstellen. Diese Möglichkeit ist uns jetzt genommen."

Jede Hochschule hat ihre eigene Version der neuen Abschlüsse entwickelt