Auch Frankreich hat seine Probleme mit der Studienreform. Ein Interview mit Bologna-Experte Harald Schraeder

DIE ZEIT: In Deutschland tobt gerade mal wieder der Streit um Bologna. Wie geht Frankreich mit der Reform um?

Harald Schraeder: Die Universitäten haben vollständig umgestellt, aber die Grandes Ecoles, die spezialisierten Hochschulen, haben die Reform nur halbherzig mitgemacht. Sie haben das ECTS-System eingeführt, ohne einen Bachelorabschluss anzubieten.

ZEIT: Die Eliteschmieden hinken hinterher? Fast wie die führenden deutschen technischen Universitäten, die zunächst bremsten.

Schraeder: Die deutschen Ingenieure haben sich aber nach anfänglichem Widerstand doch für die Reform entschieden. Die Ecoles dagegen, darunter auch die Ingenieurschulen, weigern sich aus fachlichen Gründen bis heute, einen Abschluss nach drei Jahren anzubieten. Sie behaupten, dem System schon genügend zu entsprechen. Ich aber glaube: Französische Studenten sind künftig klar im Nachteil und weniger mobil, wenn sie keinen Abschluss auf Bachelorniveau haben.

ZEIT: Davon abgesehen, fiel den Universitäten die Umstellung relativ leicht?

Schraeder: Ja, allerdings entsprach die Studienstruktur Bologna schon einigermaßen. Während Deutschland den Bachelor erst einführen musste, gab es dieses Niveau – die Licence – in Frankreich schon lange. Es hatte sich aber auf dem Arbeitsmarkt nicht durchgesetzt. Darum führte man eine Licence professionelle ein, die nicht direkt zum Masterstudium berechtigt, das betrifft etwa 20 Prozent der Studienplätze. Eine radikal andere Lösung als in Deutschland.

ZEIT: In Deutschland wird über den Zugang zum Master erbittert gestritten. Gab es auch Proteste gegen die Licence professionelle?