So also sieht ein Krisengewinnler aus: Backenbart, Ruhrpottdialekt, lautes Lachen und ein Job als Geschäftsführer eines Sozialverbandes. Ulrich Schneider ist in diesen Tagen einer der erfolgreichsten Lobbyisten des Landes – ein Interessenvertreter für die Armen, als deren Anwalt sich der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband versteht. So ungewöhnlich wie Schneiders Bart ist die Offenheit, mit der er über seine Arbeit spricht. "Man braucht immer eine Zahl", sagt er. "Das ist wichtig für die Medien."

Außerdem braucht man Menschen. Der nordrhein-westfälische CDU-Sozialminister Karl-Josef Laumann hat ihm geraten, vor allem über Kinderarmut zu sprechen: "Damit erreichst du am meisten, nicht nur bei meiner Partei." Das sei wahr, sagt Schneider. Seit er das mache, hörten mehr Menschen hin.

Dann kommt es noch auf den richtigen Zeitpunkt an. Der richtige Zeitpunkt ist jetzt. Seit die Bundesregierung ein Milliardenpaket für die Rettung angeschlagener Banken auf den Weg brachte, ist Schneider gefragt wie nie. Ständig soll er in Talkshows und Interviews erklären, ob der Kapitalismus gerade versage und ob es ungerecht sei, wenn der Staat den Banken helfe.

"Ich brauche nur ›500 Milliarden‹ sagen", erzählt Schneider. "500 Milliarden für Banken, aber nur 211 Euro Sozialgeld pro Monat für Kinder von Langzeitarbeitslosen? Wenn ich das kritisiere, traut sich keiner, mir zu widersprechen."

Eigentlich gelten Krisenzeiten als Jahre des Sparens und Maßhaltens – doch diesmal könnte das anders sein. Die Finanzkrise hat alle gestärkt, die sich mehr Staat und auch einen stärkeren Sozialstaat wünschen. Und sie bietet der Regierung die Chance, im Wahljahr auf eine populäre Verteilungspolitik zu setzen – und das angesichts der schwächelnden Konjunktur auch noch als ökonomisch geboten darzustellen. Die Finanzkrise habe eine "enthemmende Wirkung" auf die Politik, sagt der hannoversche Finanzwissenschaftler Stefan Homburg: "Jetzt darf jeder alles fordern."

Noch konkurrieren in der Öffentlichkeit zwei Haltungen, die beide in sich schlüssig sind, einander aber doch gegenseitig ausschließen. Beispiel Mindestlohn: Während Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt behauptet, angesichts der bevorstehenden Rezession könne sich das Land solche Gesetze nicht mehr leisten, sagt SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz scheinbar das Gegenteil. Die Krise habe "den moralischen Durchbruch für die Mindestlohn-Debatte" gebracht. Und für staatliche Sozialpolitik erst recht: "Die Banker, die jetzt das Milliardenpaket der Regierung in Anspruch nehmen, können sich schlecht darüber beschweren, dass der Staat auch für andere Geld ausgibt."

Wie ändert sich die Stimmung im Land, wenn der Staat den kaum vorstellbaren Betrag von 480 Milliarden Euro für angeschlagene Banken bereitstellt – ein Vielfaches dessen, was jährlich für Sozialhilfe, Kindergeld und Pflegeheime zur Verfügung steht? Das sei genug Geld, um jedem Hartz-IV-Empfänger Deutschlands 73844,33 Euro auszuzahlen, rechnete die tageszeitung vor – oder die Zahlungen für sämtliche Rentner im Land zwei Jahre lang zu verdoppeln, wie die Süddeutsche ermittelte. Selbst wenn nur fünf Prozent des angebotenen Betrages tatsächlich flössen, wäre das noch doppelt so viel wie der komplette Bildungsetat der Bundesregierung.