1 Viele Hedgefonds stehen vor dem Aus

»Sehen Sie sich doch die riesigen Kursbewegungen an den Aktienmärkten an. Das ist nicht der private Anleger, der da verkauft«, sagt Stephan Illenberger, Deutschlandchef des größten europäischen Finanzinvestors Axa Private Equity. Nein, hinter den tiefen Preisstürzen mancher Aktien schienen in den vergangenen Wochen andere, größere Mächte zu stecken. Um sechs, acht oder zehn Prozent brachen manche Börsen ein, Tag für Tag. Und Illenberger spricht aus, was viele am Finanzmarkt denken: »Bei den Hedgefonds herrscht Ausverkauf – jetzt, just in diesen Tagen.« Viele stießen all ihre Anlagen ab, Aktien vor allem, aber auch große Kreditpakete, die sie im Boom von Banken erworben hatten. »Zu Abschlägen von 15, 20, ja gar 40 Prozent!«, sagt Illenberger.

Hedgefonds – in ihnen sahen viele Beobachter schon lange die größte Gefahr für das Weltfinanzsystem. In den vergangenen Jahren passierte nichts Schlimmes. Jetzt aber rücken sie wieder in den Blick. »Die Instabilität des Weltfinanzsystems in den jüngsten Wochen war so groß wie seit Menschengedenken nicht«, schrieb die Bank of England am Dienstag. Und ein Risiko seien die Hedgefonds. Viele spekulieren nicht nur mit dem Geld ihrer Investoren an den Börsen, sondern mit einem Vielfachen dieser Summe, ausgeliehen von Banken. Im Finanzmarktboom der vergangenen Jahre sollen auf einen Dollar Eigenkapital gelegentlich schon mal 30 Dollar Fremdkapital gekommen sein – gängig sei in der Branche allerdings, heißt es, ein Verhältnis von eins zu fünf.

Wenn den Hedgefonds jedoch der Kredit ausgeht, wenn sie freiwillig oder auf Druck der Banken ihre Kredite zurückzahlen müssen, stoßen sie Anlagen ab – jede Menge. Angefangen hat dieser Prozess bereits Ende 2007, jetzt jedoch spitzt er sich zu.

Er habe »noch nie so viel Panik im Markt gesehen« – so wird Kenneth Griffin zitiert, Gründer des viele Milliarden Dollar schweren US-Hedgefonds Citadel. Er beraumte am vergangenen Freitag kurzfristig eine Telefonkonferenz an, um Gerüchten zu widersprechen, sein Haus sei in Schieflage. Mehr als 30 Prozent soll Citadel dieses Jahr im Minus liegen. Damit stünde er schlechter da als die Branche. Allein im dritten Quartal haben die weltweit rund 10.000 Hedgefonds 210 Milliarden Dollar, rund zehn Prozent, an Wert verloren – das berichtet der Informationsdienst Hedge Fund Research (HFR). Der Trend dürfte sich im Oktober weiter verschärft haben. 2008 könnte für Hedgefonds »das bisher schlimmste Jahr« werden, fürchtet HFR-Chef Kenneth Heinz.

Zurzeit müssen Hedgefonds aus zwei Gründen schnell Wertpapiere verkaufen. Viele wollen angesichts der schwankenden, unsicheren Märkte lieber Bares oder Geldmarktpapiere halten. Andere müssen ihre Investoren auszahlen. Zahlreiche Anleger fordern ihr Geld zurück. Meist dauert das Monate, doch das Geld müssen die Hedgefonds erst beschaffen. Es geht um viele Milliarden Dollar und einen Prozess, der sich selbst verstärkt: Je schneller die Kurse fallen, desto mehr Anleger kriegen Angst; je mehr Anleger ihr Geld zurückwollen, desto mehr müssen die Fonds verkaufen, die Kurse fallen weiter. Einige Fonds sollen bereits Beschränkungen erlassen haben, ob und wie viel Geld ihre Investoren zurückfordern können.

Die Gefahr, die wirklich von Hedgefonds ausgeht, ist schwer einzuschätzen. Das liegt daran, dass ihre Arbeit intransparent und kaum beaufsichtigt ist. Aktien, Währungskurse, Rohstoffe, Arbitrage bei Anleihen – Hedgefonds investieren in vielen Dingen. Laut HFR unterstehen der Branche derzeit rund 1.700 Milliarden Dollar – eine Summe, die beeindruckend ist, jedoch im Vergleich zur Kapitalisierung aller Börsen weltweit bescheiden: Bloß die 30 größten deutschen Unternehmen sind rund 500 Milliarden Euro wert. Zudem sind Hedgefonds nicht die einzigen, die Wertpapiere verkaufen müssen. Riesige Pensionsfonds wie Calpers aus Kalifornien handeln genauso. »Alle großen Fondsanbieter prügeln derzeit ihre Aktien raus«, ist in Frankfurt zu hören. »Jeder rennt im Moment zur Tür. Und die Tür ist relativ eng.«