DIE ZEIT: Würden Sie gern ihre Gene lesen?

André Reis: Mein Erbgut wird hier im Labor ohnehin untersucht, als eine der Kontrollen für unsere Analysen. Doch ich will nicht wissen, wie meine Gene aussehen – es sei denn, ich hätte eine konkrete Frage, die sich damit beantworten ließe. Aber vage Vorhersagen, ob ich erkranken könnte – warum sollte man das wissen wollen?

ZEIT: Warum kann es dann sinnvoll sein, 1000 oder gar 100000 Menschen zu entziffern?

Reis: Wir wollen herausfinden, worin die Unterschiede im Genom der Menschen bestehen. Und wir wollen diese Unterschiede mit physischen oder psychischen Merkmalen und Erkrankungen verknüpfen: Welche genetischen Variationen bergen etwa die Veranlagung für Diabetes oder Schizophrenie? Da geht es nicht um prophetische Diagnosen für den Einzelnen.

ZEIT: Wenn die Veranlagungen erforscht sind: Soll dann jeder seine Gene kennen?

Reis: Das würde nur Sinn machen, wenn man daraus wesentliche therapeutische Entscheidungen ableiten könnte. Im Moment ist das selten der Fall.

ZEIT: Woran liegt das?

Reis: Die Frage ist: Wenn eine genetische Disposition da ist, wie groß ist die Gefahr, dass eine Krankheit wirklich eintritt? Viele Volkskrankheiten entstehen erst, wenn viele Gene verändert sind, aber dann braucht es Umweltfaktoren, um die Disposition auch zu verwirklichen. Deshalb haben Gentests meist nur geringe Aussagekraft für den einzelnen Menschen.

ZEIT: Tests zum Alzheimer-Risiko gibt es doch.

Reis: Wir kennen Faktoren, die das Risiko für Alzheimer statistisch verdoppeln. Aber was nützt die Auskunft, dass Ihr persönliches Risiko 1:1000 ist, statt 1:2000 wie in der Normalbevölkerung? Würde die Gefahr auf 1:2 steigen, wäre sie konkret. Aber dann möchte man auch wissen: Kann ich etwas dagegen tun?

ZEIT: Also sollte man nur bei Krankheiten testen, die auch behandelbar sind?