Es war ein, ja, etwas ungewohnter Stefan Petzner, den die Österreicher am vergangenen Dienstag bei der konstituierenden Sitzung des Nationalrats in Wien erleben durften. Hier ein Scherzchen mit einem Abgeordneten-Kollegen, da ein Getuschel im Führungskreis der Parlamentarier des Bündnisses Zukunft Österreich (BZÖ). Ansonsten: locker und gefasst, ohne besondere Auffälligkeiten. Ein 27-jähriger Jung-Abgeordneter eben, der sich von durchschnittlichen anderen Jung-Abgeordneten allenfalls durch diesen gewissen, betont coolen Habitus unterschied, der jenen eigen ist, die wissen, dass viele Augen auf sie gerichtet sind. Denn Stefan Petzner ist in Österreich heute das, was man eine Celebrity nennt.

Vor drei Wochen war das noch anders. Als rechte Hand des sprunghaften Parteiführers Jörg Haider hatte er im BZÖ Gewicht, er bekleidete auch formal das Amt des Parteisekretärs, aber außerhalb Kärntens kannte kaum jemand sein Gesicht. Das änderte sich schlagartig am Morgen jenes 11. Oktobers 2008, als Haider sich mit mindestens 142 km/h und 1,8 Promille Alkohol im Blut totfuhr. Tränenüberströmt, mit versagender Stimme, bestätigte Petzner den Tod des Kärntner Landeshauptmanns. Bei einer Pressekonferenz am Abend weinte Petzner bitterlich. In ORF-Interviews beklagte er den Verlust seines "Lebensmenschen". Dann, als erster Höhepunkt, ein Gespräch mit krone.tv, dem Online-Portal der auflagenstärksten Boulevardzeitung: Petzner schildert eine Beziehung, die weit über eine Freundschaft hinausgegangen sei. "Immer Sorgen", habe er sich gemacht, der Jörg, "wegen dem Altersunterschied", erzählt Petzner. Im Radiosender Ö3 spart Petzner schließlich wenig aus: "Er hat oft zu mir gesagt: ›Du bist mein Lebensmensch‹. Er und ich wissen, was damit gemeint ist – und das soll auch zwischen uns bleiben." Er habe Haider auf "eigene Weise geliebt". Nur die Frage, ob er und Haider ein Liebespaar gewesen seien, beantwortete Petzner nicht – vielleicht deshalb, weil sie ihm nicht gestellt wurde. Aber für die Zuhörer konnte kein Zweifel bestehen: Da redet jemand über seine große Liebe.

Die österreichische Medienöffentlichkeit stürzte Petzner damit in ein Dilemma. Einerseits war Haider Ehemann und Familienvater. Seine Partnerschaft mit Claudia Haider, die er vor 32 Jahren heiratete, wird als harmonisch geschildert. Andererseits waren Haiders "homoerotische Neigungen" – auch so eine Hilfsvokabel – seit zwanzig Jahren das, was salopp ein "offenes Geheimnis" genannt wird, was freilich auch heißt: Jeder hatte irgendwas gehört, niemand wusste etwas Genaueres. "Es ist schon fast eine der klassischen Stadtlegenden. Der Freund eines guten Bekannten eines Cousins soll mit Jörg Haider Sex oder zumindest einen Kontakt gehabt haben, der dorthin hätte führen sollen", formulierte die Wiener Presse vergangenen Dezember. Damit war das Leitmedium des österreichischen Konservativismus eines der wenigen Medien, das überhaupt ein Wort über dieses Thema verlor. Denn man hatte in der Branche die informelle Übereinkunft getroffen, dass Haiders Sexualleben seine Privatangelegenheit und daher von keinem öffentlichen Interesse sei. Daran hätte man sich aus Pietätsgründen wohl auch nach seinem Tode noch gern gehalten, Petzners ostentative öffentliche Trauer machte die Sache aber zunehmend unmöglich. Hinzu kommt, dass sich in Haiders letzten Lebensstunden ein Beziehungsdrama abspielte: Haider und Petzner hatten am Abend eine Party in Velden offenkundig streitend verlassen, der Landeshauptmann war dann in das Lokal Zum Stadtkrämer gefahren, Klagenfurts bekannteste Schwulenkneipe. Dort besoff sich Haider, der ansonsten als maßvoller Trinker bekannt war, mit einem bisher unbekannten jungen Mann, bevor er in den Tod raste.

Ist all dies auf irgendeine Weise von öffentlichem Interesse? Klar, das ganze Land interessiert sich dafür, und jeder will gern mehr wissen, aber das ist wohl kein Maßstab. Wenn jede Privatheit dem Privaten entrissen werden dürfte, sofern sich nur genügend Leute dafür interessieren, wäre kaum jemand vor Nachstellungen geschützt. Freilich steht Haiders Todesfahrt im Vollsuff in engem Zusammenhang mit seinem Privatleben, und es ist wohl kaum zu argumentieren, dass über die Umstände des Ablebens dieses Politikers nicht berichtet werden sollte. Vor allem aber war Haider als rechter, aggressiver, polarisierender, aber auch charismatischer Politiker die Zentralfigur der österreichischen Politik der neunziger Jahre. Dazu konnte Haider, der die Freiheitliche Partei (FPÖ) 1986 als kleine Vier-Prozent-Partei übernommen hatte, nur dank seines persönlichen Magnetismus werden. Wie immer man diese Anziehungskraft beschreiben will, es gab da immer ein "Etwas", das Haider von normalen Politikern unterschied. Wenn man so will: ein Geheimnis. Haiders Spiel mit erotischen Gesten, auch seine sexuelle Uneindeutigkeit waren Teil der Faszination, die zeitweilig von ihm ausging. Er führte immer mehrere Existenzen, und das Chamäleonhafte war ihm zur zweiten Natur geworden: halb Beau, halb Faschist. Er war der Politiker in der Ära der Spaßgesellschaft, der durch Diskos tingelte und vom Bungee-Seil sprang, der gleichzeitig den nationalen Heimatverteidiger gab. Mal warf er sich in die rustikale Kärntnertracht, dann trug er wieder rosa Hemden zum dottergelben Anzug. Er war eine verletzliche Diva, man attestierte ihm "maßlose Selbstüberschätzung" bei gleichzeitig "extrem hoher Kränkbarkeit". Er war ein Gambler, dem man immer auch ansah, dass er ein Spiel trieb. Kurzum: Er war einer mit Macken, einer, der sich nie allein in politischen Kategorien beschreiben ließ. Wie tickt Haider?, mit dieser Frage schlug sich eine ganze Journalistengeneration herum.

Für das Verständnis eines solchen Politikers ist seine sexuelle Orientierung zwar nicht die Hauptsache, aber auch nicht bedeutungslos. Thomas Mann wird man als Schriftsteller auch nur unzureichend begreifen, wenn man nichts über die qualvollen Seiten seiner Sexualität weiß. Hinzu kommt: In der Führungscrew von Haiders Partei – erst der FPÖ, später des BZÖ – herrschte ein männerbündlerischer Geist, der der verdrucksten Homoerotik traditioneller rechtsradikaler Parteien ähnelte und sich zugleich signifikant von ihr unterschied. Haider scharte junge Männer in ihren frühen Zwanzigern um sich, die er in höchste Ämter hievte – seit Jahren hat sich dafür der Begriff "Buberlpartie" eingebürgert. Man konnte nie so recht unterscheiden, ob man es nun mit einer Partei oder mit einer Bande von Halbstarken zu tun hatte, die sich in ihren rabiaten Gesten gegenseitig übertreffen wollten, nach Dienstschluss aber dem anything goes frönten. Diese Männer waren emotional von Haider stark abhängig, sie wurden von ihm immer wieder auch verstoßen. Dass er sich zu gutaussehenden, männlichen Twens hingezogen fühlte, hat Haider übrigens nie zu verbergen gesucht. "Verblüffend unverkrampft", sei er in dieser Hinsicht gewesen, berichtet das Nachrichtenmagazin profil in seiner jüngsten Ausgabe: "Bei einem Interviewtermin interessierte er sich mehr für die Meinung des jungen Fotoassistenten als für die Fragen der Redakteure." Einmal haben seine engsten Mitarbeiter Haider sogar gebeten, etwas vorsichtiger zu sein. Im Klagenfurter Stadtkrämer jedenfalls waren Haider und Petzner häufig gesehene Gäste, und dass die beiden ein Paar seien, nahm jeder für selbstverständlich.

Es ist eine der Pointen der Geschichte, dass Haider zu Lebzeiten stets über dieses Thema schwieg, zweieinhalb Wochen nach seinem Tod aber alle Welt davon ausgeht, seine Homosexualität sei ein gesichertes Faktum. Freilich, wie genau sich Haiders Privatleben gestaltete – wir wissen es nicht. Vielleicht hielt er Fassaden krampfhaft aufrecht, vielleicht spielte er auch fröhlich mit seinen Identitäten, wie er das zeitlebens auch mit seinen Provokationen tat.

Warum die Antwort auf diese Fragen interessant ist? Weil Haider stets seinen Charakter in politischen Stil verwandelte.

Foto: Philipp Horak/Anzenberger