Den ganzen Sommer lang wanderte Wanja von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, durch Wälder und Steppen, an Flüssen und Bächen entlang, bei Regen und Hitze, bei Wind und Sonnenschein. Was er zum Leben brauchte, verdiente er sich. Hier half er Weizen schneiden, dort packte er einen wild gewordenen Stier bei den Hörnern und bändigte ihn; bald schleppte er eine Ladung Getreide zur Mühle: alles Arbeiten, die nicht viel Zeit erforderten und ihm doch seine Krautsuppe eintrugen, seinen Brei, seinen täglichen Kanten Schwarzbrot, und manchmal ein Stück Fleisch oder Speck.

Oft musste Wanja zurückdenken an den Ritter Wolok, an die schimmernde Stadt Kiew – und an die Geschichten, die ihm Wolok von den Abenteuern der Helden vom Goldenen Tisch erzählt hatte. Dann wurde ihm schwer ums Herz. Er war stolz auf den Dolch, den Wolok ihm zum Abschied geschenkt hatte; und bisweilen erschien ihm im Traum die Schimmelstute Bjelaja und trug ihn auf ihrem Rücken wie ein Sturmwind.

Viele Leute, mit denen er unterwegs zusammenkam, fragte er nach den Weißen Bergen. Einige meinten, sie hätten schon einmal von ihnen gehört; aber wo sie lagen und wie man dorthin gelangte, das konnte ihm niemand sagen. Der Herbst kam mit Wind und Nebel, mit Krähenschwärmen und dem Geschrei der Wildgänse. Wanja wanderte eine Zeit lang am Rand eines weiten Moores dahin. Der Weg führte an schwarzen Tümpeln vorbei, über schwankende Knüppeldämme, durch struppiges Heidekraut. Die Dörfer hier waren klein und ärmlich, die Böden karg. Unweit des Weges waren zwei alte Leute damit beschäftigt, ein Feld zu pflügen. Der Bauer hatte sich selbst vor den Pflug gespannt. Die Bäuerin, ein verhutzeltes Frauchen, stolperte hinterdrein und drückte das Pflugscheit nieder, so gut es ging.

Wanja schaute den beiden kopfschüttelnd eine Weile zu. Dann stieß er die Lanze aus Eisenholz in den Boden und krempelte sich die Ärmel auf. "He, Großvater!", rief er. "Ihr beiden mutet euch da ein bisschen viel zu!" Der Alte blieb stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Das wäre der erste Acker, Söhnchen, der sich von selbst pflügte", sagte er. Wanja trat auf ihn zu und griff nach dem Zugseil. "Lass mich den Pflug ziehen", sagte er. "Ich bin jung, für mich ist das eine Kleinigkeit."

Der starke Wanja pflügte den alten Leuten das ganze Feld um. Es war Abend geworden, die beiden hatten ihn eingeladen, bei ihnen zu übernachten. "Unsere Hütte", sagte der Bauer, "ist klein, doch für drei reicht sie allemal." Die Alte tischte dem starken Wanja einen Borschtsch auf, das ist eine Suppe von roten Rüben, und hinterher eine Schüssel voll Linsenbrei. "Iss du nur, Söhnchen", sagte sie, "Du hast auf dem Acker für zehn gearbeitet. Was wir dir vorsetzen können, ist dürftig, aber es kommt von Herzen! Gott segne dir’s!" Wanja ließ sich den dampfenden Borschtsch und die Linsen schmecken. Das bisschen Pflügen, meinte er, habe ihm wenig ausgemacht. Aber für alte Leute sei es doch wohl eine arge Schinderei. "Reicht’s denn nicht auf ein Pferd?", fragte er. "Und wenn nicht – warum leiht ihr euch keins bei den Nachbarn?" Das sei leider nicht möglich, sagten die Alten. Es gebe hier, in den Dörfern am Moor, keine Pferde. "Und warum nicht?" "Die Baba-Jaga hat sie alle weggeholt", sagte der Bauer. "Die Hexe Knochenbein. Sie haust draußen im Moor – und sie reitet zuweilen auf einem alten Backofen aus, der läuft auf vier großen Hühnerpfoten. Wer ihr den Weg kreuzt, dem wirft sie ein Fangeisen um den Hals, zerrt ihn in den Morast und ertränkt ihn." – "Die Pferde auch?", fragte Wanja. "Die lässt sie am Leben", sagte der Alte. "Sie hält sie im Moor gefangen. Es müssen schon mehr als hundert sein." – "Und findet sich niemand, der ihr das Handwerk legt?" – "Viele haben den Zweikampf mit ihr gewagt. Wer in den Dörfern herumhorcht, dem wird man von manchem tapferen Mann erzählen, den die verfluchte Hexe auf dem Gewissen hat." Wie der Kampf mit der Baba-Jaga sich denn abspiele, fragte Wanja. "Der Kampf besteht darin", sagte der Alte, "dass die Baba-Jaga ihrem Gegner das Fangeisen um den Hals wirft. Am Fangeisen hängt eine lange Kette. Gelingt es der Baba-Jaga, dich ins Moor zu zerren, bist du verloren. Wenn du es aber fertigbringst, sie und den Backofen auf das trockene Land zu ziehen – dann hast du sie überwunden, und sie muss tun, was du ihr befiehlst. Aber bisher hat das keiner fertiggebracht; und ich fürchte, so wird es bleiben."

Das müsse sich erst noch zeigen, erwiderte Wanja in einem Ton, der die beiden aufhorchen ließ. "Um Himmels willen! Du willst doch nicht etwa selbst…" – "Doch", sagte Wanja. "Ich habe den bösen Och und den Räuber Batur besiegt – und ich hoffe, mit Gottes Hilfe werde ich auch die Baba-Jaga bezwingen. Morgen bin ich am Moor."

Dabei blieb es. Vor Tau und Tag stand er auf, ging zum Brunnen und wusch sich. Bei der Morgensuppe versuchten die beiden Alten noch einmal, ihn umzustimmen – vergebens. "Ich danke euch, gute Leute, für eure Gastfreundschaft", sagte Wanja. "Sorgt euch nicht um mich, es wird alles ausgehen, wie es mir bestimmt ist. Wenn die Pferde zurückkommen, wisst ihr, dass ich den Kampf bestanden habe." Er nahm Abschied und wollte gehen. Aber der Alte hielt ihn zurück und sagte: "Da nichts mehr daran zu ändern ist, dass du hingehst und deinen Kopf wagst, will ich dir etwas anvertrauen: Solltest du wider alles Erwarten den Kampf mit der Baba-Jaga gewinnen, dann zwinge sie, dir den Rappen Waron zu geben, der schneller ist als der Steppenwind, das beste und treueste Ross. Lass dir kein anderes Pferd von ihr aufschwatzen, hörst du – kein anderes!" Wanja dankte dem Bauern für seinen Rat. Dann verließ er die Hütte und schlug den Weg ein, der aus dem Dorf hinausführte an den Rand des Moores.