Meine Großmutter hat ein schwarzes Kopftuch. Darin hat sie einmal den Wind eingefangen. Und zwei Eier und ein Huhn und eine mittelgroße Kuh." So spricht das Kind.

In ein großmütterliches Kopftuch passt freilich noch mehr, ein kleiner Sturm zum Beispiel und vierundvierzig winzige Reiskörner, genau genommen sogar ein ganzes Leben. Und als die greise Heldin aus Heinz Janischs und Aljoscha Blaus Bilderbuch Das Kopftuch meiner Großmutter alles eingefangen hat, was man mit bloßem Kopftuch eben einfangen kann, lässt sie, zack, los. Das Kopftuch flattert im Wind, und alle Dinge fliegen davon: der kleine Sturm zum Beispiel und die vierundvierzig winzigen Reiskörner. Zum Schluss hat die Großmutter nur noch "das schöne Gesicht mit den freundlichen Augen".

Nach Rote Wangen und Der Ritt auf dem Seepferd ist Das Kopftuch meiner Großmutter die dritte Gemeinschaftsarbeit von Janisch und Blau, und sie kommt wesentlich stiller daher als ihre beiden Vorgänger, zurückgenommen in Text und Bild, kleinformatig und nur hier und da zart koloriert. Das Bilderbuch ist deshalb nicht minder geglückt, im Gegenteil: Lyrisch und filigran gestaltet es die linde Wucht der Liebe, mit der ein Junge an seine Großmutter und ihr Leben denkt – Momente, die er durch die Erzählung mit ihr geteilt hat.

Als Text dient ein Gedicht des österreichischen Kinder- und Jugendbuchautors Heinz Janisch, Jahrgang 1960. Es stammt aus seinem Gedichtband Ich schenk dir einen Ton aus meinem Saxofon, und die Tatsache, dass es sich dabei um einen freirhythmischen Text handelt, ist überaus erfreulich. Schließlich folgt die deutschsprachige Kinderlyrik – obwohl seit den siebziger Jahren formal und thematisch teilweise gelockert – auch heute noch hauptsächlich traditionellen Schemata. Was für ein Glück also, dass der Bajazzo Verlag Janischs wunderschöne Verse in seine Reihe illustrierter Einzelgedichte aufgenommen hat. Die Bilder des 1972 in Leningrad geborenen und heute in Hamburg lebenden Illustrators Aljoscha Blau, die ebenso freirhythmisch anmuten wie Janischs Text, gestatten dem jungen Leser ein langsames Durchwandern des allegorischen Gedichts. Da werden das Kopftuch der Großmutter und die eingefangenen Lebensmomente Sternenhimmelsstoff, da fliegen Kühe, Hühner und Brautpaare durch die Luft – Erinnerungen an Chagalls Zauberwelten werden wach.

Blaus Bilder machen sichtbar, aber erklären nichts, weder das Gedicht noch sich selbst. Und so bleiben am Ende eine kleine schöne Rätselhaftigkeit und fernerhin die Ahnung, dass im Leben nicht viel mehr zählt als dies: einfangen, loslassen und irgendwann, vielleicht, ein Gesicht haben. Susanne Kreller

Heinz Janisch/Aljoscha Blau (Ill.):

Das Kopftuch meiner Großmutter