Die große Preisfrage dieses Herbstes: Zahlt jemand 60 Millionen Dollar für diesen außergewöhnlichen Malewitsch?

"Malewitsch hat gezeigt, dass es noch etwas anderes gibt. Das ist die Irritation. Kunst als Gegen-Position zur Macht"

Kasimir Malewitsch ist der große Überraschungsgast dieses Herbstes. Zunächst überraschte der Suhrkamp Verlag mit einem nachgelassenen Vorlesungsmanuskript von Max Frisch, das in Anlehnung an den großen russischen Suprematisten den Titel Das Schwarze Quadrat trägt. Und dann kündigte Sotheby’s an, dass am 3. November in New York Malewitschs berühmte Suprematistische Komposition aus dem Jahre 1927 versteigert wird – und zwar geschätzt auf atemraubende 60 Millionen Dollar. Diese Summe ist umso spektakulärer, als sie mit einem Paukenschlag eine neue Form der Kunstmarktfinanzierung einführt: Neben dem Bild findet sich im Katalog das Symbol zweier Halbkreise. Es steht, so erläutert Sotheby’s, dafür, dass es bereits ein "unwiderrufliches Gebot" zu dem unteren Schätzpreis für den Malewitsch gibt. Nachdem also die Banken momentan als solvente Garantiegeber ausgefallen sind, versuchen die Auktionshäuser offenbar, Privatpersonen durch Vorgebote und anschließende Gewinnbeteiligung zu ködern. Vermutlich wird erst nach dem 5. November mehr Licht in diese neue Auktionspraxis kommen – vorausgesetzt, dass sich die beiden Halbkreise dann wirklich zu einem Rund schließen, also der Garantiegeber auch noch bei der Auktion über jene 60 Millionen verfügt, die er bei der Drucklegung des Kataloges offenbar für sein Eigen hielt. Ansonsten würden die Halbkreise auseinanderfliegen wie die Rechtecke auf Malewitschs Meisterwerk und der Kunstmarkt für moderne Kunst gleich mit.

Wer sich Malewitsch auf ganz andere Weise nähern und sich zur Abwechslung einmal eine Stunde lang nicht mit der Finanzkrise und ihren Folgen beschäftigen will – der lese zur Beruhigung Max Frisch. Im Schwarzen Quadrat entwirft der Schweizer Dichter vor Studenten in New York auf knappstem Raum eine Art poetisches Manifest. Und dafür wählt er mit Malewitsch einen Säulenheiligen, der seinem Werk geistesverwandt ist, in seinem erbarmungslosen Streben zum Letzten (siehe Abbildung oben) und seiner Kühle, die die Wärme nur noch aus dem Märchen kennt (siehe etwa Homo Faber). Frisch beschreibt, warum das Schwarze Quadrat in der Sowjetunion mit ihrer offiziell biederen Staatskunst jahrzehntelang versteckt gehalten wurde – weil das "Volk sonst gesehen hätte, daß es noch etwas anderes gibt". Das allein sei die Irritation großer Kunst: dass es sie gibt. "Kunst", so schreibt Frisch, "als Gegen-Position zur Macht."

Am Abend des 5. Novembers, wenn in New York der Hammer dreimal geschlagen hat, werden wir wissen, ob Malewitsch auch eine Gegenposition zum – kriselnden – Markt sein kann. Florian Illies

"Suprematistische Komposition" von Kasimir Malewitsch, 1927

Max Frisch Der Schweizer Schrift- steller (1911 bis 1991) war einer der großen deutsch- sprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts