Die Stimmung ist lindgrün und safrangelb, alles heiter im hügeligen Tal. Wäre da nicht diese Wolke. Eine Wolke, die so ungeheuer weiß und dick über den Hügeln hängt, als wollte sie sich im nächsten Moment hinabwälzen ins Tal und alles zudecken mit ihrem Weiß, das Lindgrün und das Safrangelb und erst recht die Eisenbahn, die sich gerade mit langem Dampfschweif hineinschiebt in die traute Bergwelt. Vermutlich schnauft sie laut und stößt scharfe Warnpfiffe aus. Vermutlich antwortet die Wolke mit bösem Gedonner. Vermutlich ist dieses Bild alles andere als lieblich.

So ist es oft beim frühen Wassily Kandinsky: Er malt Landschaften in freudigsten Farben, doch ist die Bedrohung nie fern. Immer erzählen seine Bilder auch von Umsturz und Zerstörung, von der Eisenbahn, die den Fortschritt ins Bergtal bringt, die Moderne mit all ihren Unwägbarkeiten. Kandinskys Berge geraten ins Rutschen, seine Kirchtürme legen sich schief, verhangen ist der Himmel.

Viele seiner Werke künden vom Verlust: Die alten Gewissheiten sind dahin. Was eben noch wirklich erschien, verliert seine klare Kontur, die Farben haben sich selbstständig gemacht, sie überrollen alle Linien, alle Grenzen, alles, was Halt bieten könnte. Es sind heitere Bilder, krisengeschüttelt.

Paradoxerweise hat gerade das Krisenhafte seiner Kunst diese derart krisensicher gemacht, dass die Museen gar nicht mehr damit aufhören können, sie groß zu zeigen. Für Kandinsky gibt es keine Konjunkturdellen, nichts scheinen seine stürmischen Idyllen an Verlockung einzubüßen. In diesem Herbst werden sich wiederum Hunderttausende Besucher anstellen, um sie zu sehen, und selbst lange Wartezeiten unterm Heizpilz nicht scheuen. Das Lenbachhaus in München, ohnehin ein Kandinsky-Hort, hat sich mit dem Centre Pompidou und dem Guggenheim zusammengeschlossen. Gemeinsam treten sie an, alle Besucherrekorde zu brechen.

Ein wenig seltsam ist das schon. Ausgerechnet Künstler wie Kandinsky, wie Vincent van Gogh und Pablo Picasso, die in diesem Herbst ebenfalls wieder in großen Ausstellungen dargeboten werden, ausgerechnet die Radikalen von einst, deren Kunst von Umwälzungen handelt, von einer Welt im Sturm, ausgerechnet sie sind die Helden der Gegenwart. Das liegt wohl daran, dass die Museen noch jeden Sturm gestillt haben. Sie zähmen das Unbändige und verwandeln Außenseiter in Kunststars. Doch ist das nur ein Teil der Wahrheit.

Denn so blind das Gedränge in den XXL-Ausstellungen auch machen mag – zumindest einige kräftige Böen pusten einem schon entgegen. Spürbar wird, wie sehr die Künstler vor hundert Jahren durchgewirbelt wurden, alle Regelbücher zerfleddert, die Konventionen zersaust. Damals war die Moderne ein Abenteuer, ein Kampf um die und mit der neuen Freiheit, so anregend wie anstrengend.

Allerdings interessieren sich die drei Ausstellungen in München, Wien und Paris nicht so sehr für Stürme als für ästhetische Probleme, dafür zum Beispiel, wie van Goghs Zeichentechnik seine Maltechnik beeinflusste oder welchen Einfluss alte Meister auf Picasso hatten. Im Lenbachhaus wird anhand von rund hundert Gemälden dargelegt, wie Kandinsky seinen Weg in die Abstraktion fand, wie er sich erst in die Murnauer Landschaften hineinmalte und dann hinüberglitt ins Reich der Geometrie. Ähnlich ist Kandinskys Werk schon oft gezeigt worden: als Fortschrittsgeschichte, so folgerichtig und bruchlos, als hätte sie niemals anders verlaufen können. Und doch beginnt man in dieser Ausstellung an Kandinskys unbedingter Konsequenz zu zweifeln.