Ein Schwarzer ins Weiße Haus? Der Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen wird am Ende davon abhängen, wie viele Wähler, allein in ihrer Wahlzelle, vor dieser Konsequenz ihrer Stimmabgabe zurückschrecken. Im Voraus lässt sich das so wenig berechnen wie nachher beweisen. Zwar vermuten Meinungsforscher, die Zustimmung für Barack Obama würde um sechs Prozent höher ausfallen, wäre er ein Weißer. Aber wie viele, von der kleinen Minderheit hartgesottener Rassisten abgesehen, würden sich offen dazu bekennen? In den Umfragen vor der Wahl lag Obama mit kaum mehr als sechs Prozent vor seinem Rivalen McCain.

Wie sehr in der amerikanischen Gesellschaft alte Stereotype rassischer Besonderheit bei der subjektiven Einordnung von Führungsgestalten schwarzer Hautfarbe fortwirken, zeigt am Beispiel der schwarzen US-Außenministerin ein Aufsatz in der September-Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift Politics&Gender. Sein etwas gestelzter Titel: Framing Condi(licious): Condoleezza Rice and the Storyline of "Closeness" in U.S. National Community Formation. Die Kernthese seiner Autorin Nikol G. Alexander-Floyd, Professorin an der Rutgers-Universität in New Jersey: Selbst eine so erfolgreiche und moderne Persönlichkeit wie Rice bleibt in die Schubladen rassischer Vorurteile gepresst. Gesellschaftlich integriert ist sie nicht wegen ihrer selbst, sondern weil sie gleichsam zur Familie Bush zählt, wie weiland die Schwarzen auf den Plantagen des amerikanischen Südens zur Großfamilie weißer Gutsherren.

Drei Stereotypen schwarzer weiblicher Identität klopft sie danach ab, ob sie in der Gestalt von Rice ein Echo in der öffentlichen Darstellung finden: die Mammy, jene gut- und großmütige Hausmutti weißer Herrschaften, bekannt aus Filmen wie Vom Winde verweht; die Matriarchin als Chefin der schwarzen Single-Familie, die ihre Brut mit Hartnäckigkeit und Schläue zusammen- hält und durchbringt; schließlich die sexuell ungehemmte Verführerin. Alle drei, argumentiert Alexander-Floyd, schillerten auf die eine oder andere Weise in der Behandlung durch, die auch der früheren Nationalen Sicherheitsberaterin und heutigen Außenministerin der Regierung Bush zuteil wird, exemplifiziert an den abendlichen Spaß- und Spottsendungen des Fernsehens wie in politischen Karikaturen der Presse.

An Beispielen fehlt es ihr nicht. Da wiegt in einer Karikatur Rice jene Aluminiumrohre auf dem Schoß, die einmal die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen suggerieren sollten, und spricht in der Wortblase im Tonfall der schwarzen Unterklasse des amerikanischen Südens. In einer anderen tritt sie auf als Chefin, die einem tumben Bush die Richtung vorgibt. Und je weniger über ihr Liebesleben bekannt ist, desto weniger können TV-Spaßmacher wie Jay Leno oder David Letterman sich dazu zotige Anspielungen untersagen.

Wenn Condoleezza Rice dennoch von vielen, zumal unter Konservativen, als Inbild des Amerikanischen Traums von einer Gesellschaft gesehen wird, in der Unterschiede des Geschlechts und der Rasse verschwunden sind, dann läge das nicht etwa an der Überwindung dieser Stereotypen als vielmehr an der Nähe zu ihrem Präsidenten. Diese Nähe sei der Grund, warum die intelligente, unverheiratete, kinderlose und durchsetzungsstarke schwarze Frau nicht als Herausforderung traditioneller Wertvorstellungen empfunden werde. Als schwarze Dienerin weißer Macht werde Rice vielmehr nahtlos in die Tradition eines auf Geschlecht und Rasse bezogenen weißen Paternalismus eingeordnet: Die Nähe zu Weiß macht weniger schwarz. Der Amerikanische Traum werde so durch Rice gleichermaßen bestätigt und infrage gestellt.

Was bedeutet das für die Chancen Barack Obamas in den Wahlkabinen Anfang November? Die Verführer des Unterbewusstseins sind auch gegen ihn in Stellung gegangen – und werden durch die skrupellose Polemik der letzten Wahlkampfwochen weiter ermuntert. Amerikanische Freunde versichern, sie empfänden den Kandidaten nicht wirklich als schwarz. Aber, wie Professor Alexander-Floyd darlegt, gewachsene Stereotype leben lange. Gewinnt Obama, dann wäre das ein Triumph über die dumpfe Last der alten Vorurteile, der Amerika zu Hause und in der Welt zur Ehre gereichte. Verliert er aber, werden viele, zumal unter der schwarzen Wählerschaft, dies vornehmlich jenen Vorurteilen anlasten. Christoph Bertram

Aus Politischen Zeitschriften