Jedes Jahr sterben in Deutschland über 810000 Menschen eines natürlichen Todes, fast die Hälfte von ihnen in Krankenhäusern. Hinter der begütigenden Wortfassade "natürlich" verbirgt sich aber allzu oft der statistisch nicht erfasste Skandal des würdelosen, nicht selten dementen Dahinsiechens in Pflegeheimen mit überfordertem, unterbezahltem Personal, es verbirgt sich der Skandal eines sinnlos verlängerten Lebens im Krankenhaus, der Quälerei künstlicher Ernährung komatöser Patienten, der Skandal immer noch rückständiger Palliativmedizin und der Ärger lähmender Rechtsunsicherheit für Angehörige, Ärzte und Pfleger. Wer einen sterbenden, bewusstlosen Patienten gegen seinen Willen mit Medikamenten am Leben hält, kann wegen Körperverletzung verklagt werden; wer ihn vom Beatmungsgerät ohne Einwilligung oder Zustimmung der Verwandten "abschaltet", dem droht Schlimmeres.

Nach mehr als vierjähriger Debatte will der Bundestag noch im November deutsche Ordnung für das absolut unordentlichste Ereignis im Leben jedes Menschen herstellen: erste gesetzliche Leitlinien für eine richtige Art des Sterbens. Gerichtlich unanfechtbare Patientenverfügungen sollen dafür sorgen, dass jeder Bürger, so er denn will, in einem testamentarisch-schriftlichen Akt der Selbstbestimmung im Voraus festlegen kann, allfällige Krankenhausbehandlungen im Ernstfall auszusetzen, falls er selbst nicht mehr dazu in der Lage ist, weil er nicht mehr kommunizieren kann.

Die Vorhersage ist nicht gewagt: Vor uns liegt ein wahrscheinlich vergebliches Bemühen der Abgeordneten; denn mindestens zwei Anträge stehen in Konkurrenz zur Abstimmung. Und keiner wird nach einer möglichen Annahme das moralische Dilemma der Ärzte am Sterbebett lösen können: Folgt ein Arzt dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten, verstößt er unter Umständen gegen sein eigenes Berufsethos.

Zwar gibt es Patientenverfügungen schon längst (und in vielen europäischen Staaten) – aber die mit ihnen verknüpften Rechtsunsicherheiten haben höchstrichterliche Bestätigung gefunden: Sollte ein Krankheitsfall nicht unabweisbar in den Tod führen, so lautete zum Beispiel ein Urteil des Bundesgerichtshofs, dann darf ein Betreuer keineswegs "passive Sterbehilfe" leisten; das wäre strafbar. Aber was bedeutet "unabweisbar"? Im Land der unzählbaren Verordnungen, der Vorschriften, Verbote und Gesetze existiert also einmal mehr staatlicher "Regelungsbedarf". Was einst Sache, Pflicht und bisweilen auch Liebe der Kirchen und Familien war, gerät so in die Obhut des Gesetzgebers.

Es handelt sich gleichwohl um eine ziemlich gespenstische Debatte. Denn das Ideal eines Todes in Würde (die berechtigte Hoffnung auf Schmerzlosigkeit ist neueren Datums) hat sich mit dem längst ruinierten Zusammenhalt der Familien für die meisten Deutschen verflüchtigt. Wer stirbt, fügt sich inzwischen in den arbeitsteiligen Prozess der Moderne ein; das heißt, er stirbt vor allem allein und allzu oft auch ungetröstet. Gestorben wird immer öfter in den privatisierten Krankenhäusern und Pflegeheimen klammer Kommunen. In den Bilanzen der Krankenversicherungen gleitet der greise und teure Kassenpatient als Kann-weg-Faktor einer negativen Deckungsbeitragsrechnung ins Jenseits. Um es klar zu sagen: Auch sein Sterben soll sich für die gewinnorientierten Krankenhausbetreiber in Zukunft lohnen; denn nicht nur die Gesundheit ist zur Ware geworden, sondern auch der Tod.

Ohne es zu wollen, finden sich die Bundestagsabgeordneten (die diesmal keinem Fraktionszwang unterliegen) in einer Art Kulturkampf wieder, in dem die historischen Schlachten der Aufklärung wiederholt werden: hier das jüdisch-christliche Prinzip der Lebensheiligkeit und der frommen Hinnahme eines gottgewollten Schicksals, dort das Freiheitsprinzip der Selbstbestimmung bis in den Tod hinein, das (keineswegs selbstverständliche) Recht auf Selbstmord inklusive.

Doch die Politiker wären gut beraten, noch einmal Abstand zu nehmen von einer Gesetzesdebatte, deren Ausgang zweifelhaft ist und neue Unsicherheiten bei Ärzten und Patienten nach sich zöge. So gravierend die Skandale in einzelnen Fällen in den Krankenhäusern auch sein mögen, noch schlimmer sind die an Verwahrlosung grenzenden Zustände in deutschen Pflegeheimen. Statt konjunkturfördernde Wärmedämmung im nationalen Häuserbau mit Milliarden auszustatten, sollten die Parlamentarier daher überlegen, ob es nicht besser wäre, die deutschen Altersheime und Hospize endlich in die Lage zu versetzen, menschen- und alterswürdiger zu arbeiten als bisher. Bei allem Respekt vor dem würdigen Tod, das würdige Leben ist allemal wichtiger.