Gibt es einen linken Antisemitismus? Und ob. Es existiert ein diffuser westdeutscher Antisemitismus, in dem antikapitalistische Affekte und bornierte Israelkritik zusammenschießen; es gab den staatssozialistischen, bisweilen tödlichen Antisemitismus in der Sowjetunion, in Polen. Und es gab eine dezidiert antiisraelische Politik in der DDR; Ost-Berlin nahm nach dem Krieg zwar ein paar prominente jüdische Exilanten auf, um sich kulturell mit ihnen zu schmücken, sprach sich sonst aber von jeder historischen Verantwortung für den Holocaust großzügig selbst frei.

Darf man über diesen linken Antisemitismus streiten, wie es einige Unions-Bundestagsabgeordnete jetzt, anderthalb Wochen vor dem 70. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, fordern, um die Linkspartei als "antizionistisch" und "antiisraelisch" bloßzustellen? Selbstverständlich.

Aber wer derlei versucht, darf sich nicht wundern, wenn er genau das Gegenteil erreicht. Die Linke überfallartig von einer lang vorbereiteten Erklärung aller Bundestagsfraktionen wider den Antisemitismus ausschließen zu wollen, kann nur als parteipolitisches Manöver verstanden werden. Oder als Ablenkung vom braunen Pack. Jede Debatte über den Antisemitismus von links jedenfalls wird so zuverlässig verhindert. wfg