Der Umsturz vollzieht sich mit der paradoxen Anmut beinah zufälliger Zwangsläufigkeit.

Es beginnt mit Krawallen in Lübeck: Hafenarbeiter randalieren in den Einkaufspassagen, um ihren Unmut über den geplanten Verkauf größerer Anteile der städtischen Hafengesellschaft an eine Tochter der Deutschen Bank auszudrücken. Sie besetzen den Bürgerschaftssaal und verabreden mit Kollegen in Kiel und Rostock Streiks, die mit keiner Gewerkschaftsbürokratie abgesprochen sind, aber für mehrere bereits aus Finanzmarktkrisengründen angeschlagene Handelskonzerne zu ernsten Verdienstausfällen und Vertrauenserschütterungen führen, die einen Dominoeffekt auslösen, der zahlreiche Aktienkurse im Lebensmittelbereich in die Tiefe reißt. Von ihrem Erfolg berauscht, reisen die Lübecker nach Frankfurt und schicken Abordnungen vor das Gebäude der Deutschen Bank sowie in den Starbucks an der Börse. Broker, Analysten und andere Versager werden vor ihren Handelstempeln angepöbelt, ausgelacht und gedemütigt; das Fernsehen steigt begeistert ein. Die Börsianer machen immer peinlicher Fehler, ihre Psychologie ist zerrüttet. Müntefering warnt vor »Übermut, liebe Lübecker Kollegen«, Steinbrück vor »Kindereien«.

Unter ungeklärten Umständen scheitert die Hochzeit von Porsche und VW, das heißt, sie wird in letzter Minute halbherzig rückgängig gemacht, durchlöchert oder sonst irgendetwas, das nur noch sehr wenige Wirtschaftsprofessoren verstehen, aber nicht erklären können. Bei Opel in Bochum kommt es zu ersten Sabotageakten, zum großen Ärger von Konzernleitung und Werkschutz als Dummheit und Ungeschicklichkeit getarnt.

Der Verfassungsschutz verständigt die Bundesregierung, dass die Lübecker, Frankfurter und Bochumer Vorkommnisse mit Unregelmäßigkeiten in der Essener Metallindustrie und Ungezogenheiten diverser Transportbeschäftigter (angefangen wie üblich bei den Lokführern) in engem »klandestinem Zusammenhang« stehen: Wie sich zeigt, wird die Unruhe koordiniert über ein neuartiges transgewerkschaftliches Handy-Netz, dessen Koordination offenbar auf einem geheimen Zusatztreffen zur Tagung der europäischen Nokia-Betriebsräte am 30. Januar 2008 in Brüssel verabredet wurde.

Das Debakel in Afghanistan lässt die Bundeswehr nach links driften

Die Gewerkschaft ver.di, drei linke SPD-Bundestagsabgeordnete aus Hessen und Berlin sowie ein bunter Haufen prominenter Einzelnörgler von Rolf Hochhuth bis Götz George verklagen daraufhin die Bundesrepublik Deutschland beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Bespitzelung von Arbeitnehmerverbänden. Otto Schily übernimmt aus Beschäftigungsmangel und Alterswut eine Parallelklage beim Bundesverfassungsgericht. Bald laufen Funktionsträger der alten Eliten zur roten Fahne über: Als Maßnahmen zur Kreditstabilisierung die befürchteten Bankenzusammenbrüche genauso wenig verhindern können wie weiland die »Reichsgarantie« zur Weimarer Zeit die berühmte Pleite der Banatbank, trifft sich der Commerzbank-Chef Martin Blessing mit norddeutschen Industriellen, die anonym bleiben wollen, aber philosozialistische Neigungen hegen.

Enttäuschte hochrangige Bundeswehrangehörige klagen nach ihrer Rückkehr von Inspektionsreisen nach Afghanistan über Zweifel am »abstrakten Expansionismus« der neueren westlichen Menschenrechtspolitik. In der IG Metall kommt es zum »Putsch« (Müntefering) gegen den Vorsitzenden Berthold Huber, weil dieser sich abfällig über die Bochumer Streikenden ausgelassen hat. Auch in anderen Gewerkschaften geraten die sozialpartnerschaftlich orientierten Spitzen unter Druck, als sich herausstellt, dass sie mit dem Verfassungsschutz kooperiert haben, um das Rumoren an der Basis loszuwerden.