Hier also ist sie, jene Treppe der Münchner Universität, die Sophie Scholl am 18. Februar 1943 hinaufgestiegen ist. Oben, auf der Empore, verteilte die junge Studentin jene Flugblätter, die ihr nur vier Tage später, von Roland Freisler verurteilt, den Tod brachten. Viele Deutsche bezeichnen Sophie Scholl als Vorbild, bewundern sie für ihren Mut, auch Wolfgang Schneiderhan. Der ranghöchste deutsche Soldat ist nicht zum ersten Mal hier.

Dem Generalinspekteur der Bundeswehr gefiel der Vorschlag, den gemeinsamen Spaziergang in München an der DenkStätte Weiße Rose zu beginnen. Feldjäger in Zivil hatten sich zuvor in der Universität umgesehen, hatten sich auf den Fluren kurz unter die Studenten gemischt und den Weg hinauf zur Empore abgeschritten. Weil sie nichts Verdächtiges fanden, ist der Generalinspekteur der Bundeswehr nun auf den historischen Stufen dieses Treppenhauses der Ludwig-Maximilians-Universität München leibhaftig unterwegs.

Es ist ein kleiner Pulk, der da des Weges kommt. Zwei Bodyguards aus Berlin, zwei von der Bundeswehr in München, die in Bayern jeden Baum und jeden Strauch kennen, die Adjutanten, der "Sprecher Streitkräfte" und mittendrin, einen Kopf kleiner als alle anderen, der Generalinspekteur der Bundeswehr. Ein Mann, der die Medien gern meidet.

Auf den Schulterklappen der grauen Uniformjacke prangen vier goldene Sterne, seine Begleiter machen ebenfalls nicht den Eindruck, als hätten sie soeben im Romanistik-Seminar gesessen. Trotzdem nehmen die Studenten kaum Notiz von den acht Männern, die da auf den Korridoren der Uni an ihnen vorbeiwehen. Auf einem Treppenabsatz bleibt Schneiderhan stehen, mit ihm stoppt der ganze Tross. Von sich aus kommt der General auf die besondere Atmosphäre dieses Ortes zu sprechen. Der Staatsbürger in Uniform sei nicht denkbar ohne jene, die "den Widerstand zu einer Traditionslinie deutscher Streitkräfte gemacht haben". Mit dem Wissen um die Grenzen des Gehorsams habe eine neue Gedankenwelt in die Köpfe führender Soldaten Einzug halten können. Dankbarkeit sei angebracht, denn auch andere Kräfte, andere Überzeugungen hätten obsiegen können.

Stauffenberg, der Name zieht sich durch sein ganzes Leben

Schneiderhan kann sich noch gut an das Jahr 1966 erinnern, als er zur Bundeswehr kam. In der Truppe, damals gerade zehn Jahre alt, herrschte im Umfeld der kriegsgedienten Vorgesetzten noch ein anderer Ton als heute. "Einige Jahre lang habe ich schon Zweifel gehabt, ob sich das Verständnis von offenen Streitkräften durchsetzen kann." Die Zweifel in jener Zeit hielten ihn nicht nieder, "sie motivierten mich". Schneiderhan blieb dabei.

Seine Mutter, tief religiös, Schneidermeisterin mit eigener Werkstatt. Sein Vater, ein Verwaltungsangestellter, Soldat im Zweiten Weltkrieg. Er hat dem Sohn weder zu- noch abgeraten. Was er damals dachte angesichts der Berufswahl seines Sohnes, behielt er für sich. "Zu wenig geredet – viel geschwiegen", dies sei typisch gewesen für die Generation seines Vaters, sagt Wolfgang Schneiderhan. So kam es, dass der Sohn Jahre später dem Vater gern gesagt hätte, dass er soeben Brigadekommandeur in Erfurt geworden war. "Der familiäre Kreis hätte sich so schließen lassen, denn er war nebenan in Rudolfstadt in Kriegsgefangenschaft gekommen." Aber das war nicht mehr möglich, der Vater war verstorben.