Auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses stehen 24 Menschen und rufen die Namen von anderen Menschen, die offensichtlich nicht im Saal sind: Familie Weisser, Heinz Bauer, Familie Fielmann. Jedenfalls antwortet niemand, niemand ruft "Hier!". Wird ein Turnier vorbereitet? Fordert eine Gruppe die andere rituell zum Kampf heraus?

Nein, was sich hier abspielt, ist eine symbolische Gegenüberstellung. Auf einem großen Platz der Stadt sollen sich die Armen und die Reichen begegnen. Die Menschen auf der Bühne gehören zu den ärmsten Einwohnern Hamburgs, das Schauspielhaus hat sie eigens ausgesucht, damit sie in dieser Inszenierung mitspielen. Viele von ihnen sind krank, einige süchtig, arm sind sie alle: das Volk von König Hartz dem Vierten. Und die Namen, die diese Menschen auf der Bühne rufen, sind die Namen der 28 reichsten Bewohner Hamburgs.

So sprechen die 24 Armen im Chor: Frank Leonhardt, und dann: 450 Millionen Euro. Oder sie rufen: Thomas Ganske, und dann: 550 Millionen Euro. Man hört zuerst den Namen und dann das Vermögen, das er repräsentiert. Aber nicht nur das; der Chor spricht langsam, zum Mitschreiben, auch die Adressen, unter denen die Reichen zu erreichen sind.

Immer höher werden die Zahlen. Zu hören ist ein Sprachkunstwerk aus Namen, Adressen und Summen. Das Publikum verfolgt die Darbietung in Andacht und Faszination, als sähe es zu, wie ein unfassbares Vermögen unter Außerirdischen verteilt wird.

Die Szene steht am Schluss von Volker Löschs jüngster Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus, einer recht freien Variante von Peter Weiss’ Stück Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade. Weiss befasst sich mit dem Scheitern und den unabgegoltenen Ansprüchen der Französischen Revolution. Die Hamburger Variante, als deren Autoren nun Volker Lösch und seine Dramaturgin Beate Seidel firmieren, heißt Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? und spielt in einer riesigen Gummizelle, die mit dem Aldi- beziehungsweise Lidl-Logo geschmückt ist. Interessant an der Aufführung ist vor allem, wie das bürgerliche Publikum sich in ihr benimmt: Es gerät hier gleichsam zwischen die Armen und die Reichen. Es soll sich vor dem Abstieg fürchten, den die Armen auf der Bühne schon hinter sich haben; und es soll den Reichtum jener Abwesenden verachten, deren Namen auf der Bühne aufgerufen werden.

Was tut das Publikum? Es wartet gierig auf neue Millionärsnamen und auf immer höhere Zahlen, es gerät in eine übermütige Wut, denn es wird vom Theater ermächtigt, sich endlich mit Recht zu empören. Fast könnte es schunkeln zur Deklamation der Summen. Die Liste steigt auf 2,9 Milliarden (Heinz Bauer, Verlagsgruppe) und 6,3 Milliarden (Geschwister Herz, Mayfair-Holding), sie erreicht die Höhe von 8,1 Milliarden (Familie Otto), und dann ist sie zu Ende. Einige Millionäre haben gegen das Verlesen ihrer Namen geklagt, auch das wird vom Chor verkündet. Gäbe es in Hamburg noch mehr Superreiche und wäre die Liste noch länger, dann bräche am Ende des Abends womöglich die Revolution aus, und die Zuschauer verließen das Schauspielhaus und suchten die genannten Adressen auf, eine nach der anderen, in einer tollkühnen, ergebnisoffenen Halloween-Prozession.

So weit kommt es natürlich nicht. Es ist aber auch so ein Abend des puren Theaterglücks. Das Publikum feiert den Chor der Armen, und es wirkt, als wolle es die eigene Wut und Ausgelassenheit an die Höhe der vom Chor genannten Summen ketten, um irgendwann mit ihnen durch die Decke zu gehen. So ein Reichtum kann nur ein anderes Wort für Unrecht sein, sagt uns Löschs Inszenierung, denn: Warum stellt man sich sonst auf einen Platz und ruft die Namen von Abwesenden? Doch wohl, um sie zur Verantwortung zu ziehen.