Der Zeuge hatte eine wichtige Mitteilung zu machen. So wichtig, dass sie den größten Terroralarm in der Geschichte der Hamburger Polizei auslöste. Er berichtete von drei Männern, die sich an der Bushaltestelle Holstenstraße unterhielten. Muslimisch hätten sie ausgesehen, sagte der Zeuge. Einer habe einen Rucksack getragen und ein anderer beschwörend auf Arabisch gesagt: "Egal, was morgen passiert, wir werden Helden vor Allah sein."

Mehr als 1500 Polizisten schwärmten daraufhin an einem Augustabend 2005 aus, um die drei Männer zu finden. Die Beamten hatten die Bilder aus London vor Augen. Drei Wochen zuvor hatten "Rucksackbomber" dort 52 Menschen getötet, als sie sich morgens in der U-Bahn in die Luft sprengten. Und jetzt Hamburg? Die Polizisten in der Hansestadt durchsuchten Bahnhöfe, Züge und Busse, sie errichteten Straßensperren und kontrollierten Autos überall in der Stadt, mit Maschinenpistolen im Anschlag. Jeden, der verdächtig erschien, zwangen die Beamten zur Durchsuchung auf den Boden. Der Innensenator ließ Bilder der gesuchten Männer aus der Überwachungskamera eines Linienbusses an die Medien geben. Der Erste Bürgermeister forderte die Hamburger auf, "wachsam" zu sein und "Hinweise zu geben". Die Zeitungen schrieben von Terror-Angst in Hamburg.

Anderthalb Tage nach dem Hinweis des Zeugen wurden die "Verdächtigen" gefunden und verhört. Der "Verdacht" fiel in sich zusammen wie ein misslungenes Soufflé. Die Ermittler fanden bekennende Muslime. Aber nicht den geringsten Hinweis auf Islamisten, die einen Anschlag planten. "Es könnte sein, dass sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt hat", erklärte der Innensenator.

Der damals 21 Jahre alte Timur lebt gut drei Jahre danach immer noch in der Unterkunft in Hamburg, in der er am Morgen nach jenem Augustabend fassungslos auf den Fernseher starrte. Er verstand nicht viel von den TV-Nachrichten. Aber er sah die Fotos: sein Bild, das Bild von Ilias und von Achmed, seinen Freunden. Minuten später wurde er vor der Unterkunft zu Boden gerissen, vier Polizisten setzten sich auf ihn und legten ihm Handschellen an. Ein schlechter Scherz, das dachte damals auch Timur.

Die Schlagzeile Terror-Angst, in den Zeitungen zentimeterhoch gedruckt, daneben ein Foto eines "Verdächtigen" – das ist die moderne Variante des Prangers. Opferrechte, Unschuldsvermutung, so etwas scheint beinah zwangsläufig ausgeblendet in einer Welt der Nachrichtendienste und geheimen Ermittlungen, der unsicheren Quellen und Drohszenarien. Staatsschützer versuchen alles, um präventiv einen Anschlag zu verhindern. Sie setzen viel daran, jeden, der sich verdächtig macht, vorher zu erkennen und aus dem Verkehr zu ziehen. Alles durchaus legitim. Doch Zweifel bleiben bisweilen auf der Strecke. Und unschuldig Verdächtige auch. Für die Hamburger Polizei ist der falsche Verdacht des August 2005 längst zu den Akten gelegt. Timur und seine Freunde dagegen kämpfen bis heute mit den Folgen ihrer Festnahme.

Die Unterkunft des jungen Tschetschenen im Hamburger Westen gleicht einer Absteige. Timur lebt mit Dutzenden anderer Ausländer in einem Klinkerflachbau. Zwischen den Baracken, die der Stadt gehören, stehen zwei Eichen. Ein zerfetzter Schirm hängt im Baum, eine Parkbank steht auf dem Rasen, davor ein verrosteter Schwenkgrill. Ihre Matratzen haben die Bewohner in den engen, kaum möblierten Zimmern auf Paletten gelegt. Viele übernachten in Schlafsäcken. Von draußen ist das Rauschen der Autobahn zu hören. Wer hier, zwischen A7, dem Wald und einer Kleingartenkolonie untergebracht ist, den möchte Hamburg nicht vorzeigen.

Sein Zimmer ist das vorläufige Ende einer Flucht aus dem Nordkaukasus. Als 14-Jähriger hatte Timur zu Hause im Tschetschenienkrieg Landsleuten geholfen. Nachbarn, erzählt er, hätten ihn an die Russen verraten. In einem Lager verhörten und schlugen die Besatzer ihn. Timur gelang die Flucht. Über viele Umwege kam er im Juni 2004 nach Deutschland. Er beantragte Asyl und konnte bleiben. Nun, glaubte er, dürfe er sich sicher fühlen.