Selten hatten die US-Bürger in einem Wahljahr so viele Schocks zu verkraften. Ob die mehr als eine Billion Dollar teuren Rettungsaktionen das Bankensystem des Landes vor dem Kollaps retten, ist noch nicht klar. Doch klar ist schon: Die Krise hat die Schlussphase des Wahlkampfs geprägt. Die Amerikaner wählen jetzt einen Präsidenten für trübe Zeiten. Die Zahl der Zwangsversteigerungen steigt. Die Arbeitslosenquote beträgt über sechs Prozent und könnte auf bis zu zehn Prozent anwachsen. So gut wie alle Ökonomen gehen von einer kommenden Rezession aus.

Vor wenigen Wochen noch war es in den Debatten der Kandidaten vorwiegend um die Frage gegangen, wer welche Steuergeschenke an die Mittelschicht vergeben wird. Inzwischen stehen jedoch ganz andere, grundsätzlichere Fragen im Vordergrund. Wie viel Staat verträgt der freie Markt? Droht die Rezession zur Depression zu werden? Und kann die Politik das verhindern?

Dem gelernten Anwalt Obama schreiben die Wähler offenbar größere Kompetenz bei der Lösung der Probleme zu als dem Berufssoldaten McCain. Seit sich die Krise zuspitzt, liegt er bei den Umfragen deutlich vorn. Dass Obama für mehr staatliche Eingriffe steht, hätte ihn zu einem anderen Zeitpunkt suspekt gemacht. Doch jetzt wächst das Bedürfnis, die Auswüchse des Kapitalismus zurückzustutzen und das Land aus einer drohenden Lähmung zu befreien.

Obama hat sich zur Finanzkrise deutlich konkreter geäußert als sein Rivale. Er will unter anderem die Eigenkapitalerfordernisse bei Finanzgeschäften erhöhen, das Risikomanagement der Banken stärker überwachen und die Kreditratingagenturen reformieren. Auf internationaler Ebene will er eine engere Zusammenarbeit bei Abkommen wie Basel II und den Rechnungslegungsstandards.

Sein Programm lässt sich nicht eindeutig einer ökonomischen Schule zuordnen. Er selbst bezeichnet sich in Wirtschaftsfragen als Pragmatiker. "Ich nehme, was wirkt", erklärte er in einem Interview. Dazu zählen seine Pläne für einen Infrastrukturfonds, der 60 Milliarden Dollar in Straßen und Nahverkehrsmittel investieren und gleichzeitig Jobs für Arbeiter schaffen soll.

Der Neokonservative David Frum, früher Redenschreiber für Präsident George W. Bush in Wirtschaftsfragen, sieht in den Plänen einen Rückgriff auf die dreißiger Jahre. "Obama mag in gesellschaftlicher Hinsicht modern wirken, wirtschaftspolitisch ist er ein Reaktionär", urteilt Frum. Obama setze auf einen neuenNew Deal wie einst der Präsident Franklin D. Roosevelt und damit auf falsche Rezepte. "Bei der Bekämpfung der Krise tat Roosevelt damals so, als ob sie allein ein amerikanisches Problem sei – und verschlimmerte damit die Lage weltweit." Auch Obama blicke bei seinen Lösungsansätzen vorwiegend nach innen. Dazu passen nach Ansicht Frums auch seine protektionistischen Töne. Obama hat angekündigt, dass er die Freihandelsabkommen gegebenenfalls nachverhandeln will.

Obama gehe es darum, dass nicht nur Investoren und Unternehmen von der Globalisierung profitieren sollen, sagt Jared Bernstein, Volkswirt beim liberalen Thinktank Economic Policy Institute. "Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist Obama ein Hybrid: Er kombiniert soziale Marktwirtschaftselemente europäischen Stils mit dem Kapitalismus amerikanischer Prägung."