Hampton Roads, Virginia - Wenn der Wahlforscher und Politologe Larry Sabato auf seine bunten Schautafeln blickt, dann kann er es kaum fassen: Der Südstaat, der seit 44 Jahren keinen demokratischen Präsidentschaftskandidaten gewählt hat, kippt. Noch vor zwei Monaten strahlte Virginia fast überall im leuchtenden Rot der Republikaner. Jetzt färbt sich die Landkarte dort, wo besonders viele Wähler wohnen, demokratenblau: dunkel im nördlichen Speckgürtel rund um die Hauptstadt Washington, vorsichtig hell im Südosten, im Wahlbezirk Hampton Roads rund um den größten Marinestützpunkt der Welt.

In Virginia, wo Sabato lehrt, siegte vor vier Jahren noch George W. Bush mit neun Prozent Vorsprung, nun liegt nach den Umfragen Barack Obama vorn. Wird der Staat, der sich noch in den siebziger Jahren gegen gemeinsamen Schulunterricht für schwarze und weiße Kinder wehrte, einen Schwarzen zum Präsidenten wählen? "Wenn Hampton Roads für Obama stimmt, dann tut dies auch Virginia – und wenn sich Virginia das traut, dann tut es die große Mehrheit Amerikas", sagt Sabato. "Der Weg ins Weiße Haus führt mitten durch Hampton Roads!", rief kürzlich Sarah Palin. Sie und John McCain fliegen jetzt mehrmals in der Woche ein, um zu retten, was noch zu retten ist.

Was ist geschehen, was hat die Verhältnisse nur so verkehrt?

Anwalt David Flynn und Häusermakler Bill Gibbs leben beide in Hampton Roads. Sie sind weiß, haben mit Immobiliengeschäften gutes Geld verdient und leiden nun unter dem Super-GAU an der Wall Street. Solange sie nicht über Politik reden, sind der schmächtige Flynn und der korpulente Gibbs die dicksten Freunde. Beide bezeichnen sich als "typische" Bewohner Virginias.

David gehört zu den sogenannten Neueinwohnern. Er stammt ursprünglich aus Massachusetts und ist wie viele Amerikaner wegen der Sonne, der Strände und des Wirtschaftsaufschwungs hierher gezogen. Die Regierungsbehörden im nahen Washington, die Hightechindustrie und mehr als ein Dutzend Militäreinrichtungen haben Virginia einen Boom beschert, seit 2000 ist die Bevölkerung um neun Prozent gewachsen. Doch nun hat die Immobilienkrise David dazu gezwungen, zehn seiner 16 Kanzleiangestellten zu entlassen, sein Jahresgehalt von rund 250000 Dollar schrumpfte um zwei Drittel. David Flynn, der sich zur politischen Mitte und zum Lager der typischen Wechselwähler zählt, hat sich entschieden: Er wird Barack Obama seine Stimme geben, weil er den Demokraten am ehesten zutraut, der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. "In der Not hat die Regierung die Pflicht, den Markt zu retten", sagt er.

Häusermakler Bill Gibbs hingegen gehört zum Urgestein Virginias. Er stammt von Captain John Smith ab, dem legendären englischen Seeoffizier und Frauenheld, der 1607 in Virginia die erste offizielle Siedlung gründete und angeblich eine Affäre mit der Häuptlingstochter Pocahontas unterhielt. Bills Geschäfte laufen etwas besser als die seines Freundes. "Das kommt, weil du an solide Armeeoffiziere verkaufst", frotzelt David. Bill hat sich ebenfalls entschieden: Er wird John McCain wählen, weil er wie sein Vater schon immer für die Republikaner gestimmt hat. Es gefällt ihm, wenn McCain und Palin staatliche Eingriffe in die Vermögensverteilungen als "Sozialismus" verdammen.

Bill schweigt, wenn sein Kumpel schimpft, Bush habe alles versaut